45.8 sonstige somatoforme Störungen: psychogenes Zähneknirschen

Hallo, mein Name ist me-dea und ich bin Zähneknirscherin.

Bruxismus, wie der Fachbegriff für unbewusstes Zähneknirschen und –aufeinanderpressen heißt, ist weit verbreitet. Bis zu 80 Prozent aller Leute sollen ab und an bis immer knirschen oder pressen. Ich habe also ein Mainstream-Problem. Leider eines, für das es kein Patentrezept gibt.

Als ich zwanzig war, wurde das Problem entdeckt. Es folgten Knirscherschienen, Hypnose, Autogenes Training und andere Entspannungstechniken, kinesiologische Muskeltests und Interventionen meiner Bettnachbarn. Es folgten auch kaputte Zähne, Nacken-, Kiefer-, Kopf- und Gesichtsnervschmerzen, Schlafstörungen und allgemeine Abgenervtheit.

Schon oft versuchte ich, kurz vor dem Einschlafen oder in Trance dem Problem auf den Grund zu gehen. Im hypnagogischen Zustand erlebe ich mich als eine Art Neandertaler oder Affen-Mensch-Vorgänger, der den Kiefer in der Entspannung nach vorne schieben muss (was sicherlich megablöd aussieht, ich aber glücklicherweise nicht sehen kann).

Verbinde ich mich also im Schlaf mit meinen Urahnen oder irgendwelchen archaischen Impulsen im Reptiliengehirn? Oder sinkt mein IQ so weit ab, dass ich zum Totaltrottel werde? Oder bin ich im alltäglich wachen Zustand ein lahmer Totaltrottel und erwache erst im Schlaf zu meiner ursprünglichen Superpower, Jägerin von Mammuts und Säbelzahntigern in einer weiten unwirtlichen Welt?

Vielleicht will ich deshalb auch nicht loslassen. Nicht die Kontrolle über Kopf und Körper im Schlaf verlieren. Die Muskeln spannen sich an. Der Unterkiefer schiebt sich herrisch nach vorne. Nichts da, wir bleiben in Alarmbereitschaft. Da könnte ja gleich ein Mammut unter dem Kissen hervorspringen. Die Zähne beißen schon mal vorsorglich zu.

Und schon bin ich wieder wach. Und das Schlafzimmer ein dunkler, pulsierender See. Und der Schlaf weit weg an unsichtbaren Ufern versteckt. Wenn ich wirklich eine Superpower brauche, dann eine, mit der ich sofort und überall einschlafen kann. Statt Wonder Woman Siesta Sister: Die Frau, die ein Sofa nur anschauen muss und schon schläft sie (natürlich perfekt aussehend und mit entspannten Kiefern).

Heute benütze ich übrigens keine Knirscherschiene mehr. Ob ich noch knirsche, weiß ich nicht. Morgens, wenn ich nach viel zu wenig Schlaf aufstehe, habe ich einen Brummschädel und keine Zeit, über nächtliche Knirschereien oder Mammutjagden nachzudenken.

Ich nenne es mal: Heilung durch Verdrängung. Vielleicht das nächste große Ding?

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