F05.0 Delir ohne Demenz

Als Kind konnte ich mein Fieber noch richtig nach oben jagen: Legte ich als Säugling die Latte mit 41,9 Grad hoch, schaffte ich es als Teenager immerhin noch auf 41,5 Grad. Die Vorteile lagen klar auf der Hand: Mit hohem Fieber musste ich nicht in die Schule und meine Mutter hatte möglicherweise etwas Zeit und einen neuen Schlumpf für mich.

Es gab aber noch einen weiteren „sekundären Krankheitsgewinn“: der schwebende Zustand, in den mich hohes Fieber brachte, die entkörperlichte Albernheit, die mich meine Existenzängste vergessen ließ, das Spiel mit dem rasenden Herzen und natürlich die Halluzinationen.

Die Halluzinationen waren das Beste. Ich weiß nicht warum, aber ab einer gewissen inneren Temperatur versammelten sich Zwerge, Wikinger, Piraten oder Indianer um mein Bett und verrieten mir Geheimnisse und Witze (was meistens dasselbe war). Im Fieber wusste ich auf einmal, warum ich lebte, warum ich sterben würde und dass zwischen Leben und Tod kein großer Unterschied besteht. Ich konnte es nicht in Worte fassen und nach dem Fieber verflüchtigte sich dieses gefühlte Wissen auch sofort, aber währenddessen war es eine ungemeine Erleichterung.

Während ich meine Konferenzen mit Fabelwesen und ausgestorbenen Völkern abhielt, hatte ich das nicht immer angenehme Gefühl, dass es keinen logischen Zusammenhang zwischen Nähe und Distanz gibt. Dinge konnten ganz nah und gleichzeitig ganz weit weg sein. Sie konnten riesengroß und dabei winzig klein sein. Und das führte dazu, dass ich, das kranke Kind, im selben Moment hier und dort und überhaupt nicht existent war. Eine verwirrende Situation, die sich aber auch genießen ließ. Oft stellte ich mir vor, dass ich gestorben sei oder im Koma lag und mich als Geist im Zimmer immer weiter ausdehnte, fetter und fetter wurde, während der zurückgelassene Körper im Bett verschwand.

Damals fand ich es recht einfach, das Fieber nach oben zu treiben. Ich konzentrierte mich und es klappte fast immer. Bei sehr hohem Fieber verschwanden nicht nur die Ängste, sondern auch Schmerzen, Hunger, Verlangen. Ein perfekter Zustand. Ein Zustand, den ich sonst nur aus den Lieblingsbüchern meiner Jugend kannte, aus Naked Lunch und Crash. Und das ganz ohne psychotrope Substanzen. Im Fieber schüttete ich körpereigene Drogen aus und erlebte den besten Rausch, ohne mich dabei zu vergiften.

Vergiftet wurde ich natürlich trotzdem – mit Penicillin, das ich so lange einnehmen musste, bis meine Mutter den anthroposophischen Kinderarzt Dr. Husemann und sein diabolisches „PHYTOLACCCA“ entdeckte. Danach gab’s nur noch Kügelchen, Steiner sei Dank.

Heute komme ich, wenn ich Glück habe, höchstens auf 39 Grad. Das reicht kaum aus für Halluzinationen. Aber manchmal habe ich Flashbacks beim Einschlafen: Dann ist die Welt auf einmal gleichzeitig ganz nah und weit weg. Und ich weiß, dass alles nur Einbildung ist, inklusive meiner selbst. Ein beruhigendes Gefühl.

Eine Antwort zu “F05.0 Delir ohne Demenz

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