F06.3 Organische affektive Störungen: hormonell bedingte depressive Verstimmung

Alle vier Wochen ereilt mich das Schicksal einer jeden reproduktionsfähigen Eva (musste Lilith je bluten?) und ich ergebe mich leidend und selbstmitleidig in mein Schicksal. Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen, Unruhe, Schlaflosigkeit bei anhaltender Müdigkeit und unbestimmte Angstzustände strömen durch meinen sündhaften, weiblichen Leib. Eine Minidepression umfängt mich und macht mich für ein paar Tage zu einem anderen Menschen.

Die Kraft der Hormone. Man müsste sie erfinden, gäbe es sie nicht.

Leider macht mich das menstruelle Syndrom nicht aggressiv, geil oder kreativ. Es macht mich nur unglücklich. In diesen bestimmten Tagen möchte und kann ich mit niemandem kommunizieren. Mir fehlen die Worte. Meine Neuronen scheinen sich auf einmal gegenseitig zu ignorieren, die Synapsen sind verstopft, die Dentriten zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um irgendein Signal außer Schmerz und Buhuhuhu weiterzuleiten. Dank meiner Wortfindungsstörungen und Denkunfähigkeit an diesen Tagen verkrampft nicht nur mein Unterleib, sondern so ziemlich jede Zelle zwischen Scheitel und großem Zeh. Ich hasse mich.

Nach zwei bis drei Tagen oder Wochen lässt die Bauchschwellung nach und ich sehe nicht mehr so aus, als sei ich im fünften Monat schwanger. Ich muss nicht mehr bei jedem Tierbild auf Facebook weinen und erkenne den Silberstreifen am Horizont. Freue mich, dass mich die Menopause noch verschont und dass der Schmerz weg ist. Ist es nicht das, was die auch mal masochistischen Praktiken Frönenden unter anderem antörnt: der Moment, wenn der Schmerz verschwindet? Ich fühle mich befreit, stark und endlich wieder wie ein halber Junge.

Und dann sage ich so Sachen wie: „die Menstruation ist wichtig, weil sich der Körper reinigt“ und „so schlimm war’s diesmal gar nicht“ und „wenigstens ruhe ich mich alle vier Wochen aus“ und „immerhin könnte ich noch Kinder kriegen, falls ich mal auf den Kopf falle“ und „eine menstruierende Frau ist eine magische Frau“. In den Tagen nach den Tagen kommt eine ganz schlimme, optimistische, dummschwätzerische Persönlichkeit in mir zum Vorschein. So als würden all die halbgaren Gedanken, die sich während der Regel im Kopf angestaut haben und dank Wortfindungsstörungen nie formuliert werden konnten, jetzt ungehindert heraus fließen.

Auf die Blutflut folgt die Sintflut an „positiven Gedanken“, die mich, Hormone, ick hör euch trapsen, wieder auf die nächste Menstruation vorbereiten soll. Denn vor dem Blut ist nach dem Blut, so wie nach der Geburt vor dem Tod ist, der wunderbare Zyklus des Lebens. Ohne Hormoninterventionen würde ich vermutlich die Ausweglosigkeit dieser Prozesse nicht ertragen, aber hey: Solange man beim Anblick von Hundebabys weinen muss und die Schokolade im Kühlschrank zum Heiligen Gral wird, ist die Welt noch schön, das Leben lebenswert und der Körper ein „magischer Tempel voller Geheimnisse“.

Denn das ist das größte Geheimnis: Wenn ich blute, darf ich mir alles erlauben. Ich darf den Gefährten nachts auf die Jagd nach Süßigkeiten und Tampons schicken. Ich darf mich tagsüber ins Bett legen und Comics lesen. Ich darf rumjammern, über Frauenthemen reden und das Ende der Welt herbeiwünschen. Ich darf mir Schmerzmittel reinziehen und nicht ans Telefon gehen. Diese Tage sind meine persönlichen Saturnalien. Die sanktionierte Phase im Monat, in der alles auf dem Kopf steht. Auch wenn der Kopf weh tut und die Blase alle fünf Minuten drückt: In diesen Tagen darf ich mich in Selbstmitleid und Weiblichkeitsklischees suhlen, als gäbe es kein Morgen.

Den Morgen danach hat es bis jetzt immer gegeben. Saturn, der Gott der Begrenzung und Melancholie, lässt mich frei. Die Hormone rauschen im Hintergrund. Der Bauch schrumpft, die Frisur sitzt, ich bin wieder ein wertvolles, Steuern zahlendes Mitglied der Gesellschaft.

Ohne Hormone wäre das Leben nicht halb so lustig.

Eine Antwort zu “F06.3 Organische affektive Störungen: hormonell bedingte depressive Verstimmung

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