F1x.0 akute Intoxikation (akuter Rausch)

Mein Problem heutzutage ist, dass ich keinen Rausch mehr habe. Keinen richtigen, leichtfüßigen, die Welt umarmenden, die Welt verstehenden, Gehirnzellen zerstörenden und darauf scheißenden Rausch. Keine ekstatischen, visionären Momente, wenn die Vergiftung schon im Kopf, aber noch nicht im Magen angelangt ist. Kein Reset, um dem Leben, der Schwere, der Selbstverantwortung mal kurz zu entkommen, einen Schritt nach hinten (oder ins Nirvana) zu machen und sich das Theater von weitem anzuschauen, um sich am nächsten Tag wieder mit dickem Kopf und trockenem Hals zurück in den Alltag zu wälzen.

Ich finde genügend Gründe dafür, keinen Rausch zu haben: der Schlafmangel. Die Verantwortung. Das Alter. Die Gesundheit. Paranoia. Zwanghaftigkeit. Körperliche und geistige Schwäche. Wichtige Aufgaben, für die man einen klaren Kopf braucht.

Wenn mit der Möglichkeit eines Rausches konfrontiert, sage ich mir: Es passt halt gerade nicht, aber demnächst wieder. Was vermutlich bedeutet: Wenn ich alt und noch am Leben sein werde, wenn ich dann noch Energie haben werde, dann gönne ich mir ein Räuschchen. Dann wird vermutlich schon ein Mon Chéri für den pathologischen Rausch reichen. Zusammen mit den Medikamenten, die man dann in sich reinstopfen muss, um aus dem Bett zu kommen.

An konstruktiveren Tagen versuche ich, dem Rausch anders beizukommen. Rausch durch Substanzen ist zu anstrengend, rauschhafter Sex dank Zeitmangel eine Seltenheit. Rausch durch Hormone ein zweiseitiges Schwert. Rausch durch grenzüberschreitenden Sport geht leider auch nicht mehr, wobei ich mit Musik auf den Ohren bei meinem aktuellen Invalidentraining ab und an kurze rauschhafte Momente erzeugen kann, blasse Abbilder von früher erlebten Zuständen, aber immerhin.

Statt Rausch jetzt also permanent harsche, harte „Klarheit des Geistes“? Leider glaube ich nicht daran. Bei meinem derzeitigen täglichen Realschlaf unter 6 Stunden wäre es sowieso vermessen, von einem „klaren Kopf“ zu sprechen. Wobei ich den klaren Kopf auch nach 8 Stunden Schlaf nie erlebt habe. Zu viele Hormone, Botenstoffe, elektrische Impulse vernebeln mir das Gemüt ab der ersten wachen Sekunde. Und vorher sowieso.

So gesehen ist Rausch deshalb auch mein Normalzustand, ganz ohne Substanzen, tantrische Meditationen oder körperliche Ertüchtigung. Vielleicht macht mir ein Übermaß von Alkohol beispielsweise nur deutlich, dass Rausch mein täglicher Begleiter ist und qualitativ/quantitativ nur unterschiedlich wahrgenommen wird.

Bei Alltagsausbruch kommt es zum Rauscheinbruch. Nach mir die Sinnenflut.

night_france_m

(Photo by Kontexter)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.