F23 akute vorübergehende psychotische Störungen: Jerusalem Syndrom

Wenn Menschen einen Fuß nach Jerusalem setzen und merken, dass sie Jesus, Maria Magdalena, Johannes der Täufer oder König David sind, sprechen andere Menschen vom „Jerusalem Syndrom“.

Das hat natürlich rein gar nichts mit mir zu tun. Ich war noch nie in Jerusalem. Und ich war auch noch nie Jesus (bis jetzt war ich nur ein altägyptischer Leichenfledderer, diverse Hexen und eine Prinzessin aus Atlantis). Dennoch ist mir dieses Thema nicht ganz fremd. Es äußert sich nur etwas anders.

Immer, wenn ich an einer Kirche vorbeikomme, habe ich das unwiderstehliche Gefühl, eintreten zu müssen. Ich bin weder christlich noch einer anderen monotheistischen Religion zugetan. Und die Institution Kirche hat mich schon oft in meinem Leben wütend gemacht. In einem Kirchenhaus jedoch werde ich ganz friedlich. Die Haare glätten sich, meine Schultern entspannen sich, nicht einmal die Blase drückt, wie sonst immer, wenn ich unterwegs bin.

Und dann fällt mein Blick auf irgendein Bild im Halbdunkel zwischen zwei Beichtstühlen oder zwei älteren Frauen und es passiert. Meine Knie werden weich, die Augen wässrig, der Unterleib heiß. Ich muss mich setzen und so tun, als würde ich beten. Und warum?

Weil sie mich schwach machen: Langhaarige bärtige Männer mit fiebrigen Blicken und psychotischen Posen, langhaarige bärtige Männer, die nie gelebt haben oder schon lange tot sind, langhaarige bärtige Männer, mit großen gütigen Augen, weichen Mündern und zu vielen weiblichen Hormonen, die mir und sich selbst das Herz bluten lassen.

Es sind nicht die alten Wallebärte mit blankem Kopf, Paulus und die Evangelisten. Es sind nicht die intersexuellen Engel oder die Große Mutter mit ihrem dicken, alten Baby. Nein, es sind vor allem die verschiedenen ausgewachsenen Jesusse, taufenden Johannesse und ein paar der besonders geplagten und verwahrlosten halbnackten Heiligen, die das verbotene Gefühl hervorrufen.

Ich verwandele mich in eine notgeile Nonne.

Das Ganze dauert in der Regel nur ein paar Sekunden und ich kann die Kirche kurz darauf verlassen, ohne Schaum vor dem Mund zu haben. Früher, als ich noch ein Kind war, habe ich mich geschämt dafür. Dummerweise konnte ich als Nicht-Katholikin nicht mal beichten. Heute mache ich ein Foto, schicke ein Stoßgebet an eine meiner Gottheiten und entschuldige mich dafür, dass ich mich für meine schmutzige Fantasie schon wieder bei den Christen bediene. Es gibt doch wahrhaft coolere Religionen.

Aber kaum eine hängt einem heutzutage einen verzückten langhaarigen Typ so penetrant ins Gesichtsfeld wie dieser Verein.

Ich weiß natürlich, dass das kein Zufall ist: Sexualität ist spannender, wenn man sie verdammt. Päpste zeugen bei Vollmond Werwolfskinder, Nonnen bluten auf Felder, Templer küssen die unsichtbaren privaten Organe einer Gottheit, die nur aus Kopf besteht. Eine Religion ohne Sex wäre überhaupt nicht überlebensfähig. Und extrem langweilig.

Würde ich jemals einen Heiligen channeln oder in eine tiefe Trance fallen, wenn ich nach Jerusalem oder Rom käme? Schwer zu sagen. Eigentlich reicht schon eine kleine Kappelle im Schwarzwald. Warum Heroin nehmen, wenn’s Ibuprofen auch tut?

4 Antworten zu “F23 akute vorübergehende psychotische Störungen: Jerusalem Syndrom

  1. Dieser da sieht aus wie der Künstler Prince …

  2. Dieser da sieht aus wie der Künstler, der inzwischen – glaube ich – wieder Prince heißt …

    • Meinst du den Ölmann da oben? Vorbild dafür war der Künstler, der sich Gibby Haynes nennt. Auch ein Höllenprinz, einst.

  3. Pingback: dataloo » Blog-Psychiatrie

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