F24 induzierte wahnhafte Störung: Folie à monde

Wie vieles andere kann auch Wahn ansteckend sein. Meistens betrifft die symbiontische Psychose zwei Leute, eine Familie oder Sekte, manchmal auch ein ganzes System.

Nun gibt es Wahngebilde, die ich ganz lustig finde, da ich davon nur peripher betroffen bin (diverse Religionen, Scientology oder die Raelianer), andere lösen Übelkeit bei mir aus. Dann wiederum gibt es Wahnvorstellungen, die auch mich infiziert haben (das Geldsystem, Kausalität, Dualismus, die „Konsensus-Realität“, das Konzept vom „freien Willen“ etc.). Manche davon habe ich liebgewonnen („Liebe“, „Tod“, „Gott“, „Entwicklung“ oder „Sinnhaftigkeit“), andere erzeugen ein Gefühl des Unbehagens. Das sind die induzierten Ängste.

Ich weiß natürlich: In einer Gesellschaft leben heißt auch, ihre Psychosen zu leben. Deshalb kann ich mich kollektiven Ängsten nur schwerlich entziehen. Dabei ist es wie bei einer Pandemie: Einer hat Angst, dann erwischt es die nächste. Der Wahn springt von Person zu Person, schneller als Hepatitis A oder SARS.

Es fängt ganz harmlos mit ein paar unscheinbaren Wörtern an. Altersarmut. Globale Erwärmung. Arbeitslosigkeit. Wachstum. Euro-Krise. Krebs. Biologische Uhr. Effektivität. Gentrifizierung. Borreliose. Zellulitis. Bubble Tea. Buchstabenkombinationen, die ganze Wahnwelten öffnen. Für mich die Erreger der induzierten Angstparanoia.

Diese Erreger infizieren nicht nur, sie bringen die Infizierten enger zusammen, verknüpfen sie miteinander in einem paranoiden Netz. Ich sage Gentrifizierung und du erzählst mir, was gerade in deiner Straße passiert. Jemand erwähnt die Euro-Krise und irgendjemand anderes schreit Maya-Kalender. Gemeinsam schaut man sorgenvoll in den Himmel (schon wieder ein verregneter Sommer – globale Erwärmung!) oder kratzt sich an nicht heilen wollenden Ausschlägen (Zecke! Eichenspinnerraupe! Neurodermitis! Krebs!). Jemand postet einen Spiegel-Online-Link und jemand anderes teilt ihn.

Je mehr wir daran glauben, desto wahrer wird’s.

Ich habe beschlossen, mich gegen diesen induzierten Wahn zu impfen. Anstatt mir tote oder abgeschwächte Erreger einzupfeifen und so mein Immunsystem (Bullshit Detector) zu stimulieren, arbeite ich mit der doppelten Dosis. Ich kombiniere mehrere Erreger zum Supererreger und bade darin. Ich steigere die Psychose so, dass keiner mehr mitkommt. Nur so kann ich mich der kollektiven Angst entziehen. Und das funktioniert so:

„Gentrifizierung“ + „biologische Uhr“ = „Evolution“

Während die Stadt um mich herum „entwickelt“ und „aufgewertet“ wird, „verfällt“ mein Körper. Diese beiden Prozesse stehen nicht nur in einem Zusammenhang, sie gleichen sich aus. Je billiger sich meine Zellen vermieten lassen, desto höher werden die Mieten um mich herum. Und dann passiert das, was immer passiert: Wenn mein Fleisch Marzahn, Hohenschönhausen oder nordöstliches Brandenburg erreicht hat, platzt die Mitte-Blase und alles dreht sich um.

Das war schon immer so: Auf Rom folgten die Barbaren, auf die Barbaren folgte das Heilige Römische Reich. Auf Mitte folgt Prenzlauer Berg folgt Kreuzberg folgt Neukölln folgt Wedding folgt Weißensee. Wenn ich tot bin, luxussaniert sich mein Körper in eine „unsterbliche Seele“ (induzierte mittelalterliche Wahnvorstellung) und Berlin wird verfallen. Während ich an Gottes Brüsten herumspiele, wird am Gendarmenmarkt Krokodil vercheckt. Das Easy-Jet-Hotel wird abstürzen. Das Titanic-Hotel wird versinken. Und der Hackesche Markt wird zu New Hamsterdam.

Während sich meine lichte Seele zurück ins Licht schwingt, verschluckt die „Krise“ die Stadt. Vielleicht muss ich nachhelfen und im bis dahin hoffentlich wieder rückgebauten Berliner Schloss spuken. Die Stadt wird zerfallen, weil alles zerfällt.

Das ist nicht-induzierter, individualisierter Wahn der ersten Klasse. Und damit die Befreiung aus der kollektiven Psychose.

Mutieren ist besser als Mitmachen. Umarmen ist besser als verdrängen. Lieber an der eigenen Psychose basteln als Second-Hand-Psychosen füttern. Denn eigene Wahnheiten sind einfach wahrer.

2 Antworten zu “F24 induzierte wahnhafte Störung: Folie à monde

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