F24 induzierte wahnhafte Störung: Weltuntergangsgeilheit

Heute ist es soweit: Die Welt soll mal wieder untergehen. Ein Teil der Menschheit hofft auf Überflutungen, brennenden Hagel, Portale in neue Dimensionen, unglaubliche astronomische Umwälzungen, Besucher aus dem All, Polwechsel oder Quantensprünge in der menschlichen Entwicklung. Tod den Teufeln Krise, Komplexität, Relativität. Mama Gott drückt Reset.

Dieses Mal sind es Maya-Kalender, die die Fantasie unterfüttern: Man interpretiert sie einfach christlich und schon folgt auf das „13. Baktun“ die Johannes-Offenbarung. Oder irgendwas anderes Schönes, Hauptsache, die Party hat ein Ende. Und das ganz ohne Kater.

Ich persönlich habe die Hoffnung auf den Weltuntergang Silvester 1984 aufgegeben. Damals habe ich zum wiederholten Male gemerkt, dass nicht alles stimmt, was Erwachsene erzählen und dass mich kein Gott oder Mayakalender vor Pubertät und Depressionen retten wird.

Obwohl ich den Glauben an „das Ende“ aufgeben musste, oder vielleicht deshalb, bin ich in den 90ern in eine Sekte eingetreten, die den Weltuntergang am 05.Juli 1998 propagierte. Als der nicht eintrat, wurde das Datum einfach um ein Jahr verschoben. Und wieder verschoben. Und wieder verschoben. Die Partys sollen legendär gewesen sein. Mindestens so geil wie Burning Man früher, habe ich mir sagen lassen.

Heute muss die NASA Fragen beantworten zum totalen Blackout und Freakplaneten, die vielleicht auf die Erde stürzen könnten. Ich finde ja, dass ein bisschen Eris keinem Planeten schaden würde und hätte ich ein Kind, würde ich es Nibiru nennen, wenn uns das dem Tag X irgendwie näher bringen würde, aber jetzt mal ganz im Ernst: Der wahre Weltuntergang ist doch, dass jeder ihn allein erlebt.

Wenn Väterchen Tod an deine Tür klopft, geht die einzige Welt unter, die du kennst. Dass der Tod gemütlicher wird, wenn alle ihn gleichzeitig erleben, glaube ich nicht. Bei dieser Swinger-Party gibt es keinen kosmischen Orgasmus. Nur ganz viel Drama, Regression, Angst und ein Fünkchen Hoffnung, dass das eigene kleine Leben am zweitgrößten Event des Planeten teilnehmen darf.

So lange die Geisterbahn weitergeht, gelten Hunter S. Thompsons goldene Worte: „Buy the ticket, take the ride.“

3 Antworten zu “F24 induzierte wahnhafte Störung: Weltuntergangsgeilheit

  1. Vielleicht läuft das mit der kollektiven Sehnsucht nach dem gemeinsamen(!) Weltuntergang nach dem Motto „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Wobei ich da eher zu „Geteiltes Leid ist doppeltes Leid“ tendiere.

  2. Pingback: F41.1 generalisierte Angststörung: Angst zu sterben | me dea

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