F44.3 Trance- und Besessenheitszustände: Geisterstunde

An Samhain, von Sektierern auch „Halloween“ oder „Reformationstag“ genannt, sollen die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits besonders durchlässig sein. Deshalb verschiebe ich in dieser Zeit meine Besessenheitstendenzen von Gottheiten zu Geistern. Dabei ist mir völlig schnurz, ob Geister zurückgebliebene Energien, ruhelose Tote oder Leintücher mit Löchern sind, es geht mir ums Prinzip: Um den 31. Oktober herum (am besten zu Vollmond) möchte ich etwas anderes als meinen Gefährten oder Arzt in meinen Körper lassen. Wenn draußen die nordamerikanische Kürbisparty geht und das Seniorenfernsehen mit ollen Gruselkamellen droht, stelle ich meinen Empfang auf Geisterstimmen.

Dabei erfüllt mich das Konzept „Geist“ das ganze Jahr über mit einem tiefen Glücksgefühl. Gäbe es Geister, könnte das nicht nur als Hinweis auf ein Leben nach dem Tod interpretiert werden, sondern vor allem für eines davor: Ein Leben, das voller Rätsel und Überraschungen steckt, voller unerklärlicher Phänomene („stuff science hasn’t made boring yet“), Leintücher, die in den Augenwinkeln lauern, merkwürdiger Botschaften aus dem Unbewussten, kosmischer Rülpser aus brennenden Büschen und Wirbelsäulen.

Ende Oktober jedoch wird meine Geisterliebe zur Obsession. Auf einmal brauche ich Kerzen, warmes schweres Essen und körpereigene Drogen, um Nebel, Regen und frühen Nächten trotzen zu können. Beste Bedingungen für Halluzinationen, Wahn und Wachträume. Beste Bedingungen für das Fest der Toten und Untoten.

Für mein kleines Samhain-Ritual benötige ich weder ein Ouija-Board noch Ektoplasma-spuckende Medien, neutrale Beobachter oder Kassettenrekorder. Ich lege mich einfach selbst auf den Altar und lasse mich von gespenstischer Hysterie durchschütteln. In dieser Nacht geht mein innerer Psycho mit meinem toten Hund Gassi. Und jeder nette Geistgast darf mir ein Organ spenden.

Erst dann, wenn sie alle mit mir durch sind, die Poltergeister, Stasigespenster, Nicolai-Incubi und Weißen Frauen vom Berliner Stadtschloss, kann das Hexenjahr beginnen. Das Volk, das mit „Trick or Treat“ an seiner vorzeitigen Diabetes arbeitet, wird dann im Bett sein, während in Mexiko der Spaß erst losgeht. ¡Viva los Muertos!

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