F50.4 Essattacken bei anderen psychischen Störungen

Neues aus der Kategorie „Lustig klingende Diagnosen und was sie mit mir zu tun haben könnten“: Welches Krankheitsschweinderl hätten’s gern?

Eine meiner halb formulierten und vermutlich für Außenstehende leicht wahnsinnig anmutenden Theorien, ist diese: So wie man sich ideologisch umprogrammieren kann, in dem man unterschiedliche Glaubenssysteme für bestimmte Zeiträume lebt und danach wieder ablegt (vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Aleister_Crowley), so kann man sich auch in punkto psychische Störungen reprogrammieren.

Die kindlich-magisch-manische Idee dahinter: Wenn ich mich für einen bestimmten Zeitraum einem bestimmten Störungsbild annehme, es in allen Symptomen durchlebe und nach einer gewissen Zeitspanne wieder abstoße, lerne ich a) die Störung wie einen guten Bekannten kennen und b) immunisiere ich mich gegen die Möglichkeit, dass dieses Leid mich tatsächlich einmal von hinten mit gehörigem Leidensdruck überfallen könnte. Mein seelisches Immunsystem wäre dann schon geimpft und würde die Störung belustigt begrüßen, aber keineswegs ernst nehmen. Ich wäre darauf vorbereitet.

Dies schließt natürlich aus, dass ich mir jemals eine ernstzunehmende Psychose einfange, bei der ich Metaebene und Kontext verliere. Auch eine Demenz könnte ich so nicht verhindern, denn in diesem Fall würde mein psychisches Immungedächtnis vergessen, dass es gegen die Beschwerde schon geimpft ist. Was aber Neurosen angeht, halte ich meine Theorie für ein grandioses Abwehrkonzept.

Nach dieser langwierigen und vermutlich nicht immer spannenden Einführung jetzt zu meiner nagelneuen adoptierten Störung: psychogene Essattacken oder Esstaumel.

Esstaumel! Ich liebe dieses Wort. Es klingt nach Ekstase, Gefahr, Leidenschaft, Kontrollverlust. Beim Kauen und Schlucken voller Lust taumeln, in tiefe Trancen abtauchen, das Licht sehen, mit Essen eins werden, den „Sex des Alters“ ohne Gewissensbisse genießen. Hocherotisch finde ich dementsprechend die Vorstellung, von Lebensmitteln attackiert zu werden. Ich stelle mir Darkrooms vor, in denen Muffins von verschwitzten Körpern bröseln, inszenierte Vergewaltigungsszenarien mit Mehl, Zucker, Butter und Eiern, blubbernde Whirlpools voller Portwein und Mousse au Chocolate („It’s not shit, it’s chocolate!“), angespitzte Möhren, die den asthenischen Leib des Heiligen Sebastian durchbohren. Ich sehe mich vor prallen roten Paprikas flüchten und in Rauke wälzen, den Parmesansplittern ausweichend, während mich Tomaten mit ihren Antioxidantien von hinten in ihre Klauen nehmen. Pilze wuchern mir die Beine hoch und Tagliatelle tanzt mir um den Kopf. Lindt-Schokohasen peitschen mich mit ihren goldenen Glöckchen und Emmentaler-Stücke peinigen mich mit ihren großen, schwarzen Löchern, in denen ich mich Biss für Biss verliere …

Essen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, kann Stress abbauen (und danach wieder erzeugen). Der Akt des Kauens und Schluckens produziert Hormone, die neuerdings als „Glückshormone“ verunglimpft und kapitalisiert werden. Wenn ich sehr gestresst bin, kriege ich nichts hinunter, bin ich aber nur leicht angespannt und ist die Quelle meiner Spannungen noch unentdeckt, sublimiere ich meine unbewussten Konflikte unter anderem mit der Zufuhr von Essen (gerne kombiniert mit der Einnahme von anderen Substanzen, die welch Zufall, hungrig machen). Ich fühle, wie Weintrauben zwischen den Zähnen zerspringen, wie mein Herz langsamer wird, mein Atem tiefer. Und während meine Zähne die glatte Hülle der Weintrauben durchbrechen und mir das obszön feuchte Fruchtfleisch auf die Zunge springt und die entsprechenden Geschmacksknospen attackiert, fühle ich mich im Taumel, Dionysos ganz nah.

Habe ich mich diesem Taumel hingegeben, muss ich mich bewegen, Sport treiben, die Treppen hoch und runter rennen, das „Essen der Jugend“ genießen, die schwere Materialität in mir verflüchtigen. Das ist die Sinuskurve meines Lebens. Mehr ein Taumel, denn ein Tanz.

2 Antworten zu “F50.4 Essattacken bei anderen psychischen Störungen

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