F60.3 emotional instabile Persönlichkeitsstörung

In der langen langen Zeit, in der dieses Blog darnieder lag, habe ich mal wieder ein paar neue Seiten an mir entdeckt.

So hielt ich mich bis vor kurzem für einen relativ uncholerischen, eher geduldigen Menschen. Ich hatte zwar schon immer mit vielen Unzulänglichkeiten zu kämpfen, aber dass ich anfangen würde, aus Wut regelmäßig Sachen zu werfen oder herumzuschreien, hätte ich früher nicht vermutet.

Er sie es lernt nie aus.

Inzwischen passiert es schon mal, dass ich Klamotten auf den Boden werfe und darauf herumtanze, als hätte mich die sprichwörtliche Tarantel gestochen. Oder ich kicke ein Stofftier durch den Raum, begleitet von Flüchen, die mehr mit mir als mit dem Stofftier oder seinem Besitzer zu tun haben. Manchmal kann ich mich kaum davon abhalten, eine Handvoll Legos in den Müll zu werfen. Unter großem allseitigem Geschrei.

Ich bin reizbar geworden. Explosiv. Impulsiv. Streitsüchtig. Launenhaft. Eine Teilzeit-Xanthippe. Ein Trotzkind im Erwachsenenpelz.

Meine „Persönlichkeitsstörung“ ist natürlich keine akute Persönlichkeitsveränderung, sondern ein Wiederauftauchen von altbekannten Mustern, die ich seit mindestens 70 Jahren nicht mehr ausgelebt habe (seitdem ich „erwachsen“ und „selbstbestimmt“ bin oder so tu).

Natürlich hat es auch etwas Gutes, verborgene Seiten zu entdecken, unterdrückte Energien rauszulassen, verschollene Traumata wiederzubeleben. Spontan und impulsiv sein, „sich selbst zuzulassen“ (was auch immer das „Selbst“ sein soll) soll ja was ganz Tolles und dem Prozess der „Selbstfindung“ zuträglich sein.

Leider fühlt es sich nicht so toll an. Mir fehlt das kathartische Moment, die Erleichterung nach dem Anfall. Denn wenn ich aufhöre mit dem Schreien und Sachen rumwerfen, steht ein anderer Mensch vor mir und schreit und wirft Sachen um sich und ich habe ein schlechtes Gewissen.

Das schlechte Gewissen bringt natürlich niemandem was. Der Mensch, der mich nach meinem Anfall anschreit, tut das, weil er nicht anders kann. Ich hingegen könnte es, eigentlich. Das schlechte Gewissen schilt mich, nicht so selbstsüchtig impulsiv zu sein und die Wut, egal ob sie berechtigt ist oder nicht, herunterzuschlucken oder anderswo abzuladen (hallo, zweiter WG-Mitbewohner, ich hoffe, du kommst nach dem Zigarettenholen wieder zurück).

Aber den Impuls schert das natürlich wenig und er schafft sich Raum, umso mehr, weil er so lange von mir (weiblich, vegetarisch und einst ausgeglichen) so lange unterdrückt wurde. Kann man das wegtrainieren? Wegmeditieren? Vielleicht vegan werden? Mehr Yoga und anderen Scheiß praktizieren? Zukünftig auf Zucker, Kaffee und Crack verzichten?

Soll man?

Oder machen mich die Wutanfälle zu einer interessanteren, liebenswerteren, „authentischeren“, weil weniger kontrollierten Person?

Oder ist das alles scheißegal?

5 Antworten zu “F60.3 emotional instabile Persönlichkeitsstörung

  1. Ich geh dann mal Zigaretten holen…

  2. Das kommt mir sehr bekannt vor. Man lernt sich eben in neuen Situationen auch nochmal neu kennen. Und für neue Herausforderungen braucht man ein neues Repertoire. Das sich erst mit der Zeit entwickelt. Das ist doch eine große Chance Neues auszuprobieren, z.b ein Frühwarnsystem zu entwickeln, das einem ermöglicht andere Register zu ziehen , BEVOR es mit einem durch geht. Oder auf mehr Ausgleich zu achten. Vielleicht aber auch sich anders abzugrenzen. Und immer wieder zu versuchen zu verstehen. Sich nochmal anders in den Anderen hineinzuversetzen und die Welt durch seine Augen zu sehen. Uns selbst lieb zu haben mit unserer ganzen Unzulänglichkeit . Entschuldigung zu sagen. Und einander zu verzeihen.
    Wir können lernen und uns entwickeln. Das ist ein Geschenk. Und berührend. Aber wir haben es nicht im Griff. ES hat uns.
    Kinder werden größer. Es kommen ständig neue Herausforderungen hinzu. Ich denke wir sollten versuchen es zu genießen. Und dann ist das Leben doch auch so kurz. Und wundervoll in der ganzen Verrücktheit, im Unperfekten.

    • Da hast du recht, liebe Tanja. Danke für deine aufmunternden Worte. So sehe ich es auch, das sind alles Lektionen, die das Leben facettenreicher machen. Man kann sich immer neu kennenlernen. Bin gespannt, wie es weitergeht!

  3. Pingback: F60.31 Borderline Persönlichkeit(sstörung) Teil 1: Voll kein Check, Mann? | me dea

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