F64.8 sonstige Störungen der Geschlechtsidentität

Ich bin meistens gerne Frau. Zumindest an 25 Tagen im Monat und an den Tagen, an denen ich nicht beim Gynäkologen und der Mammografie rumhängen muss (F45.2 hypochondrische Störung). Von außen betrachtet bin ich voll Standard. Möpse, Arsch, lange Locken, heterosexuell, monogam, irgendwie kreativ (wir Frauen können ja nicht anders). Ich mag Bücher, Tiere, Männer.

Am liebsten mag ich Männer, die langhaarig und bärtig sind und an Kreuzen hängen oder mit Fellen bekleidet anderen Wasser über den Kopf schütten. Ich weiß nicht warum, aber katholische Ikonografie (vor allem die der Renaissance und des Barocks) verursacht bei mir eine Erektion.

Und das kann schmerzhaft sein, wenn man nicht den richtigen Körper für eine Erektion hat. Als Kind konnte ich noch ignorieren, dass in meinen sexuellen Fantasien keine Frauen vorkamen. Schließlich hatte ich ja noch keine Ahnung, wie sich Sex mit anderen Leuten anfühlt. In der Pubertät war ich dann gezwungen, diesen Umstand als USP zu verkaufen. Sämtliche Versuche, mich selbst oder andere Frauen beim Sex zu visualisieren, scheiterten. Ich versuchte es, aber es fühlte sich an wie de Sade lesen. Als Idee interessant. In der Umsetzung einschläfernd.

Erschwerend kommt hinzu, dass mich der seit den 80ern geläufige Gay Mainstream ebenfalls langweilt. Kurzhaarige, muskulöse, gesund aussehende Typen bringen es nicht. Ich finde Narben, blaue Flecken und fehlende Gliedmaßen aufregender. Mein Youporn sind Kirchen und Museen.

Seit einigen Jahren versuche ich sexuelle Selbstintegration und Individuation über eine intensive Beschäftigung mit Hermaphroditismus voranzutreiben. Die Mythologie verschiedener Kulturen bietet zahlreiche Beispiele sexueller Perfektion. Tireisias, Aphroditos, Crossdresser Dionysos, Shapeshifter Baphomet, Mama Jesus mit Brüsten (gerne von hochmittelalterlichen Mystikerinnen halluziniert), der alchemistische Stein der Weisen und Robert Graves goldbestiefelte Sakralkönige im Korsettchen.

Aber statt silikonbebuster Shemales und um ihre Körperlichkeit kämpfende Transgenders (F64.0 Transsexualismus) lande ich doch immer wieder bei bärtigen Männern in Frauenkleidern (F64.1 Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechterrollen), und ich, ganz unkörperlich, testosteronschwach, einer von ihnen (F44.3 Trance und Besessenheitszustände).

Vielleicht bin ich eine Frau. Vielleicht ein Fragezeichen. Neurose klingt besser als Psychose.

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