F98.9 Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend: Nasebohren

Von allen unter dieser Kodierung aufgelisteten Störungen (Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität, Daumenlutschen, exzessive Masturbation, Nägelkauen und Nasebohren) habe ich mir die schnödeste ausgesucht. Ja, ich bin Nasebohrerin.

Wenn ich mich richtig erinnere, wurde das Popeln mit Anfang 20 intensiver, als ich mir einen Nasenring verpassen ließ. Eine Episode in meinem Leben, auf die ich nicht besonders stolz bin. Ein gefühltes Jahr später waren Piercings in aller Munde, Nase und Augenbraue und ich ließ mir das Loch wieder zuwachsen. Mein Popeln legte ich nicht wieder ab. Damals war mir noch nicht bekannt, dass es sich dabei um eine Störung handelt. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich vielleicht eher aufs exzessive Masturbieren oder Daumenlutschen verlegt. Wenn schon Störung, dann richtig.

Ich habe mich schon öfters gefragt, warum ich Nase bohre. Um die Befriedigung oraler Bedürfnisse geht es mir wohl weniger, denn ich habe nie Popel gegessen oder gesammelt. Vermutlich bin ich in dieser Hinsicht eher der anale Typ, denn ich möchte, dass meine Nase aufgeräumt und sauber ist. Nicht genügend allerdings, um mich auf Nasenspülungen einzulassen. Das ist mir dann doch irgendwie zu nas-anal.

Meine beliebteste Theorie ist inzwischen, dass ich gerne die Grenzen meines Körpers überschreite, ohne dass es wehtut. Denn die Nase ist eine der wenigen Körperöffnungen, die sich einfach und relativ schmerzfrei erkunden lassen. Wenn ich pople, entdecke ich mein Innerstes. Während ich auf Tuchfühlung mit meinen Nasenschleimhäuten gehe, erlebe ich das große Wunder des Lebens: meinen Körper, der nicht müde wird, immer wieder Zellen und Schleim zu produzieren und zu entsorgen, der permanent Bakterien und Viren behaust und abwehrt, der wächst, schrumpft, annimmt, abgibt. Das großartige Gewebe, das gleichzeitig die Luft reinigen und riechen kann, sich kalt in den Wind reckt, juckt, läuft, niest und sich kräuselt.

Wenn ich Nase bohre, vergewissere ich mich, dass ich noch lebe. Ich erinnere mich an meine nasebohrende Kindheit und fühle zumindest körperlich einen zeitlichen Bezug zu dem Wesen, das ich (oder irgendwas anderes) damals gewesen sein könnte. Ich fühle mich nicht nur konstanter in der Zeit, sondern auch im Raum, denn die Überschreitung der Schleimhäute zeigt mir, dass es einen Körper mit Grenzen gibt, die sich überschreiten lassen.

Beim Popeln ehre ich das Wunder des Lebens, ich ziehe meinen Hut vor der Biologie, der Evolution, dem Flying Spaghetti Monster oder was auch immer mich mit dieser Nase und dem dazugehörigen Finger (der so perfekt in die Nase passt) ausgestattet hat. Denn ich glaube, dass dieser Finger, wenn er tief in der Nase steckt, Gott berührt, so wie der Finger von Michelangelos Adam den von Gottvater berührt. Und ich bin mir sicher, dass der göttliche Funke genau in diesen bohrenden Momenten überspringt, von Popel zu Finger, nur wenige Zentimeter von meinem Gehirn und dritten Auge entfernt.

Und damit dieses wunderbare Geheimnis nicht in die Finger und Nasen Ungläubiger gelangt, ist Nasebohren ein Tabu. Obszöner als Sexmagie, verpönter als ritueller Kannibalismus, unverstanden, verhasst, gefürchtet.

Sollte ich jemals heilig gesprochen werden, weiß ich schon jetzt, wohin sich meine Statuen ihre Finger stecken werden. Dahin, wo die Sonne immer scheint.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.