Archiv der Kategorie: Angst

F24 induzierte wahnhafte Störung

Manchmal bin ich faul. Zu faul für eigene Wahnvorstellungen. Dann borge ich mir die von anderen.

So habe ich mich von folgenden Wahnquellen für folgende Wahnperioden anstecken lassen:

Die Apokalypse/der komplette Wirtschaftszusammenbruch/das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ist nah (Wahnquellen: REM, der zweite WG-Bewohner und diverse Freunde. Wahnzeitraum: viele Dekaden, intermittierend)

Gott existiert/existiert nicht/ist tot/lebt überall/ist ein Hund (Wahnquellen: meine Bibliothek. Wahnzeitraum: seit ich lesen kann)

Am Kotti ist es brandgefährlich (Wahnquelle: Zeit-Artikel. Wahnzeitraum: seit Lektüre, hoffentlich bald wieder vergessen)

Hubschrauber sind spitze (Wahnquellen: Heinrich Dubel, der dritte WG-Bewohner. Wahnzeitraum: fortdauernd seit mindestens einem Jahr)

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung (Wahnquelle: diverse Freunde und Verwandte. Wahnzeitraum: immer, wenn das Wetter warm und trocken ist und man sich „schlechtes Wetter“ gar nicht vorstellen kann)

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit (Wahnquellen: diverse Coaches, NLP-Spezialisten und Leute, die jeden Scheiß nachquatschen. Wahnzeitraum: 5 Minuten, nachdem ich das erste Mal davon hören musste)

Hitler war ein großer und gutaussehender Mann (Wahnquelle: meine Oma. Wahnzeitraum: die erste Schrecksekunde vor dem Lachanfall)

Ab Mitte vierzig werden die Augen schlecht (Wahnquellen: mein Augenarzt, diverse Freunde, meine Augen. Wahnzeitraum: seit Mitte vierzig)

Ab vierzig werden Frauen unsichtbar (Wahnquellen: diverse Medien, Rupert Everett. Wahnzeitraum: die eineinhalb Stunden, die ich beim Arzt neulich vergessen wurde)

F93.1 phobische Störung des Kindesalters: Staubsauger des Grauens

Seit der zweite WG-Bewohner einen Staubsauger-Roboter gekauft hat und stolz und häufig einsetzt, hat der dritte WG-Bewohner panische Angst vor Staubsaugern. Wobei man erwähnen muss, dass er bis vor kurzem Staubsauger liebte. Staubsauger waren nur knapp unterhalb von Hubschraubern, Drohnen und Kehrmaschinen auf seiner einstigen Beliebtheitsskala angesiedelt.

Jetzt sitzt er täglich morgens unter dem Esstisch und schreit „ANGST. STAUBSAUGER OBEN. STAUBSAUGER AUSSCHALTEN. FERTIG. ANGST!“ Dabei macht er Handbewegungen, als würde der Staubsauger-Roboter wie ein Dämon durch unsere Gemächer fegen und alles aufsaugen, was nicht niet- und nagelfest ist. Und das obwohl das Gerät nicht angeschaltet ist und ganz friedlich in einem anderen Raum in der Ecke liegt.

Ich erkläre dann, dass der Staubsauger schläft. Dass er Feierabend hat. Im Urlaub ist. Dass der Staubsauger für uns arbeitet, nicht umgekehrt (diese Vermessenheit, aber wir tun jetzt einfach mal so, als wären wir noch im 20. Jahrhundert). Dass der Staubsauger schön sauber macht, was der dritte WG-Bewohner schön schmutzig gemacht hat.

Das funktioniert natürlich nicht. Der Staubsauger wird weiterhin in großem Bogen umrundet und bei Gelegenheit angeschrien. Außerdem hat der zweite WG-Bewohner erkannt, dass er sich mit dem runden Roboter gut abschirmen kann. Denn da, wo der Staubsauger läuft, kann der dritte WG-Bewohner nicht sein.

Nun frage ich mich, kann man dieses Verhalten schon als Phobie bezeichnen? Der dritte WG-Bewohner hat bis jetzt kaum Ängste gezeigt. Sammelt sich nun in dieser Staubsaugerpanik die gesamte Angstwelt seines jungen Bewusstseins? Muss ich mir Sorgen machen?

Oder soll ich froh sein, dass es bis jetzt nur der Staubsauger ist und nicht Schlangen, Spinnen, Gespenster, Hexen, Werwölfe oder Teufel? Oder ist der Staubsauger-Roboter nur ein Vorgeschmack, auf das, was noch kommt, an Ängsten, Phobien, Zwängen und was sonst noch ein erfülltes Menschenleben ausmacht?

Oder erahnt der dritte WG-Bewohner, wo das Problem wirklich liegt? Er könnte das nächste Jahrhundert noch erleben. Terminator, ick hör dir trapsen …

F40.2 Fußphobie*/F65.0 Fußfetischismus**

Ein Freund berichtet von seinem Ekel vor weiblichen Füßen, ein anderer besorgt sich hochhackige Pumps fürs Bett und ein dritter will an fremden Zehen saugen. Wie immer bei Obsessionen, die ich nicht teile, bin ich verwirrt. Was genau ist das mit den Füßen? Sind sie sexuell spannend und/oder ekelerregend, weil sie in Bodennähe und damit theoretisch schmutzig sind?

Ich muss gestehen, dass ich mir bis vor einem Jahr kaum Gedanken über Füße gemacht habe. Meine waren für mich da und trugen mich verlässlich Tag für Tag kilometerweit durch Straßen und Wälder, über Wiesen und Laufbänder. Nach einem Unfall dann der Schock: Füße sind wichtiger, als ich dachte! Dass mein gesunder Fuß eigentlich ganz hübsch ist, habe ich erst gemerkt, als es der andere nicht mehr war.

Heute sehen meine Füße immer noch unterschiedlich aus und ich kann nur noch die Hälfte meiner Schuhe tragen. Da ich mich in der Phase des Knochenaufbaus nicht um meine neue Fußidentität gekümmert habe, verfolgt sie mich neuerdings verstärkt in Form von Fußphobikern und -fetischisten und Leuten, die ihre Altersversorgung in Schuhe stecken.

Ich hingegen scheine schon wieder in einem Paralleluniversum unterwegs zu sein: Je älter ich werde, desto weniger Schuhe möchte ich besitzen. Da ich sowieso nicht gerne Kleidung trage, ist festes Schuhwerk das erste, worauf ich im Frühling verzichte. Fuck the flip, fuck the flop, fuck the flipflop. Nachdem ich letzten Sommer überwiegend im Liegen verbrachte und meine jahrelang gezüchtete Hornhaut hops ging, sind meine Fußsohlen jetzt wieder so schwarz, dass sich nicht nur Fußphobiker angeekelt abwenden. Bevor ich den Gefährten beglücken darf, muss ich sie mir mit Spiritus abrubbeln und durch Weihrauch ziehen.

Dabei frage ich mich manchmal: Vernachlässige ich meine Füße, weil ich heimlich fußphobisch und anal bin? Oder bin ich im Gegenteil eher „der natürliche Typ“? Heute ist meine Theorie, dass ich in einem früheren Leben mal Hufe hatte. Und gegen Karma kann man nichts tun, oder?

* Inspired by Chris Matthias.

** Fetischismus bezieht sich normalerweise auf unbelebte Gegenstände, zu denen Füße natürlich nicht gehören. Schuhe hingegen schon.

F41.1 generalisierte Angststörung: Angst zu sterben

Die Mehrheit meiner Freunde behauptet, keine Angst vor dem eigenen Tod zu haben. Man hat Angst vor unheilbaren Krankheiten, dem Tod nahestehender Personen, Einsamkeit, Umweltgiften, der Apokalypse, der Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, dem nächsten Steuerbescheid oder Zellulitis. Es gibt die Angst vor zu großen oder kleinen Penissen, Kindern oder Senioren, Second-Hand-Smoke, Nazis in U-Bahnen, Spritzen und ewigem Winter.

Aber vor dem eigenen Tod, dem Ende der persönlichen Existenz, haben die meisten meiner Freunde laut eigenem Bekunden keinen Schiss.

Nun kann man sagen, dass man sich nicht mehr um Steuern oder Hormone im Grundwasser scheren muss, wenn man tot ist. Man muss sich nicht mehr über blöde Kollegen, überteuerte Mieten, mieses Wetter oder kreischende Bierbiker aufregen, wenn man das Zeitliche gesegnet hat. Ist das Leben erst ruiniert, stirbt es sich ganz ungeniert.

Ich frage mich allerdings, wieso man vor einem Partner-, Geld- oder Jobverlust mehr Angst haben muss als vor dem Verlust des aktuellen Körpers. Ist es, weil man glaubt, dass man nach dem Tod ganz friedlich irgendwo in der Erde, einer Urne oder Von Hagens Plastinarium abhängen darf? Woher nimmt man die Gelassenheit, das Unfassbare zu glauben, wenn man noch nicht mal glauben kann, dass die Menschheit noch ein paar weitere Jahrhunderte so herumeiern kann?

Meine Angst vor dem Tod hat ungefähr mit sechs oder sieben Jahren angefangen und ist bald, in meiner kindlichen Naivität, in eine Faszination gemündet. Wenn ich totalen Schiss habe vor etwas, dann muss ich den Schiss irgendwie ausgleichen. Diverse Erziehungsberechtigte legten mir nahe, mit dem Thema noch bis zur Pubertät zu warten, erst dann sehe der Schulplan eine wunderbare Bearbeitung dieses Problems vor. Aber mit Ängsten ist es wie mit Depressionen: Sie halten sich nicht an Schulpläne.

Die Angst vor dem Tod ist nie verschwunden und rückt kleine Phobien in Perspektive. Mein Körper macht komische Sachen? Immerhin lebt er noch. Wichtige Menschen und andere Wesen verschwinden aus meinem Leben? Ich halte die Stellung. Mein Kontostand rutscht ins Bodenlose? I’m still standing. Die eine Hälfte der Menschheit fickt die andere und sich selbst und ich bin Teil dieser Fickerei? Ich bin mir sicher, selbst im Tod wird weitergefickt. Das Leben hat keine andere Wahl.

Insofern gebe ich zu: Ich habe genauso Angst vor dem Tod wie vor dem Leben.

F24 induzierte wahnhafte Störung: Weltuntergangsgeilheit

Heute ist es soweit: Die Welt soll mal wieder untergehen. Ein Teil der Menschheit hofft auf Überflutungen, brennenden Hagel, Portale in neue Dimensionen, unglaubliche astronomische Umwälzungen, Besucher aus dem All, Polwechsel oder Quantensprünge in der menschlichen Entwicklung. Tod den Teufeln Krise, Komplexität, Relativität. Mama Gott drückt Reset.

Dieses Mal sind es Maya-Kalender, die die Fantasie unterfüttern: Man interpretiert sie einfach christlich und schon folgt auf das „13. Baktun“ die Johannes-Offenbarung. Oder irgendwas anderes Schönes, Hauptsache, die Party hat ein Ende. Und das ganz ohne Kater.

Ich persönlich habe die Hoffnung auf den Weltuntergang Silvester 1984 aufgegeben. Damals habe ich zum wiederholten Male gemerkt, dass nicht alles stimmt, was Erwachsene erzählen und dass mich kein Gott oder Mayakalender vor Pubertät und Depressionen retten wird.

Obwohl ich den Glauben an „das Ende“ aufgeben musste, oder vielleicht deshalb, bin ich in den 90ern in eine Sekte eingetreten, die den Weltuntergang am 05.Juli 1998 propagierte. Als der nicht eintrat, wurde das Datum einfach um ein Jahr verschoben. Und wieder verschoben. Und wieder verschoben. Die Partys sollen legendär gewesen sein. Mindestens so geil wie Burning Man früher, habe ich mir sagen lassen.

Heute muss die NASA Fragen beantworten zum totalen Blackout und Freakplaneten, die vielleicht auf die Erde stürzen könnten. Ich finde ja, dass ein bisschen Eris keinem Planeten schaden würde und hätte ich ein Kind, würde ich es Nibiru nennen, wenn uns das dem Tag X irgendwie näher bringen würde, aber jetzt mal ganz im Ernst: Der wahre Weltuntergang ist doch, dass jeder ihn allein erlebt.

Wenn Väterchen Tod an deine Tür klopft, geht die einzige Welt unter, die du kennst. Dass der Tod gemütlicher wird, wenn alle ihn gleichzeitig erleben, glaube ich nicht. Bei dieser Swinger-Party gibt es keinen kosmischen Orgasmus. Nur ganz viel Drama, Regression, Angst und ein Fünkchen Hoffnung, dass das eigene kleine Leben am zweitgrößten Event des Planeten teilnehmen darf.

So lange die Geisterbahn weitergeht, gelten Hunter S. Thompsons goldene Worte: „Buy the ticket, take the ride.“

F45.8 sonstige somatoforme Störungen: Globus hystericus

Manchmal habe ich einen fetten Kloß im Hals stecken. Dann fällt mir das Schlucken schwer und ich habe das Gefühl, nicht mehr genügend Luft zu bekommen. Kein Wunder, wenn der Globus hystericus, der nervigste Planet im Mikrokosmos, zwischen Mundhöhle und Lungen rotiert.

Das Globussyndrom hält manche vom Essen ab, andere räuspern sich permanent oder greifen zu Schals und Hustenbonbons. Ich nehme die Schluckbeschwerden einfach nur wahr und mache meine Häkchen. Bin ich nervös, gestresst, hypochondrisch? Habe ich mir mal wieder die Halswirbelsäule so verspannt, dass ich einen Exorzisten brauche? Oder ist der Frosch im Hals der Vorbote einer Halsentzündung?

Was auch immer es ist: Ich habe soooooo’nen Hals! Und wenn man soooooo’nen Hals hat, neigt man nicht nur zum Doppelkinn (was ja schlimm genug wäre), sondern auch zum hysterischen Kloß. Passenderweise verstopft mir mein Hang zur Histrionik das Kehlkopf-Chakra, das für den Selbstausdruck zuständig sein soll. Wenn mein Selbst sich durch einen dicken Hals ausdrückt, stimmt was nicht. Ich bin nicht die, die ich eigentlich sein will (schwanenhalsig, ausgeglichen, zufrieden), sondern die, die ich gerade bin: wütend, genervt, kurzatmig.

Der hysterische Globus ist angeblich weit verbreitet, sowohl unter Frauen als auch unter Männern, was ihn irgendwie sympathisch macht. Ähnlich wie das Herz fühlt er sich schnell mal beengt, wenn man ihn zu stark beachtet. Manchmal implodiert er und wird zum Schwarzen Loch. Spätestens dann sollte man sich um ihn kümmern.

In meinem Fall habe ich mitunter den Verdacht, dass der Globus hystericus keine somatoforme Störung ist, sondern der Versuch, einen Adamsapfel auszubilden. Wenn mir bald noch ein richtiger Bart wächst, weiß ich, dass die letzten zehn Jahre Alchemie nicht umsonst waren. Damit könnte ich dann auch das Doppelkinn wunderbar überwuchern. Und mit dem Testosteronüberschuss schlucke ich nichts mehr, sondern spuck’s einfach aus.

Wenn Scheitern eine Chance ist, dann nehme ich das ‚N’ wie Neurose. Und ab dafür, neue Lebensherausforderung!