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F65.0 Fetischismus: gestiefelter Kater

Eine meiner Lieblingsfantasien seit Kindertagen: Männer in langen, hochhackigen Stiefeln. Ich weiß nicht, wie es dazu kam und ob Dr. Frank-N-Furter was damit zu tun hatte, aber diese fixe Idee hat sich wie andere vorpubertäre Vorstellungen tief in mein Hirn gebrannt.

Doch als der soziale Sexalltag anfing, hatte ich genügend damit zu tun, die üblichen Verwirrungen und Blamagen durchzuleben. Von einem der verunsicherten Jungmänner zu erwarten, dass sie außer Kondomen auch noch schenkelhohe Stiefel überziehen würden, war zu viel. Ich begnügte mich damit zu träumen.

Wie glücklich war ich, als ich einige Jahre später erfuhr, dass ich gar nicht so allein mit meiner Fantasie war. Ich entdeckte sexy behufte Sakralkönige bei Robert Graves und Matthew Barney, in Greenaways Draughtman’s Contract, auf Rock-Konzerten und in Glamrock-Reportagen. Der gestiefelte Kater bekam auf einmal eine ganz neue Bedeutung.

Anstatt den Fetisch auf den Partner auszulagern, entschied ich mich eines Tages, ihn selbst auszuleben. Ich kaufte mir schenkelhohe silberne Plastikstiefel und Unterwäsche bei H&M und stakste damit vom Hermannplatz ins tiefe Neukölln hinein. In ein Neukölln, das damals noch primär von alten Männern mit roten Gesichtern und jungen Männern mit komplizierten Handshakes und tiefhängenden Hosen bevölkert war.

Da ich mit den Stiefeln über 1,90 groß war und bei jedem Schritt fast auf den Arsch fiel, bildete ich mir ein, man würde mich für einen Mann halten. Die rotgesichtigen Männer starrten mich fasziniert an. Vielleicht sahen sie sich schon ins Delirium Tremens segeln. Die Jungs mit den weiten Hosen waren zu perplex, um mich anzugrapschen. Ich war entzückt.

Meine Peergroup hingegen hielt mich für komplett bescheuert. Niemand dachte ernsthaft, ich würde aussehen wie ein Transvestit oder Dionysos auf der Suche nach der nächsten Nymphe. Auf die meisten wirkte ich so, als sei ich aus einer billigen Peepshow entflohen. Was ja auch irgendwie ein ganz geiler Look ist.

Die Stiefel warf ich beim nächsten Umzug weg. Ich wusste, ich würde sie nie an den Mann bringen. Nicht nur wegen der Schuhgröße, sondern weil ich niemanden überfordern will. Ich bin ja schon froh, wenn sie das mit dem Kondom hinkriegen.

F60.80 narzisstische Persönlichkeitsstörung oder wenn die Neurose küsst

Bin ich narzisstisch, weil ich über meine eigentlichen und eingebildeten neurotischen Störungen schreibe?

Oder gehören mir diese Störungen überhaupt nicht? Vielleicht habe ich sie mir nur ausgeliehen und muss sie spätestens auf dem Sterbebett wieder abgeben.

Oder vielleicht sind Neurosen auch wie Musen. Ab und an küsst mich eine und spornt mich zu frischem Wahnsinn an. Und wenn sie wieder verschwunden ist, warte ich auf den nächsten Neurosenkuss.

Gestern noch eine dionysische Persönlichkeitsstörung, morgen schon das Medea-Syndrom.