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F43.2 Anpassungsstörungen: Trauerreaktion

Seit einem halben Jahr gehe ich nur noch ungern in den Prenzlauer Berg. Und das, obwohl ich meist aus angenehmen Gründen dort zu tun habe: Freunde treffen, Getränke in mich reinschütten oder einfach nur durch die kleinen Gassen des idyllischen Dorfkerns wandern und Zwillingskinderwagen ausweichen.

Neulich nachts dann die Eingebung: Der Prenzlauer Berg ist ein Ort voller Erinnerungen. An die Zeit, als ich und viele meiner Freunde dort lebten, abhingen, arbeiteten, schrieben und lasen, malten, tanzten, uns nächtelang in dunklen Läden rumdrückten, im Mauerpark Flugzeuge beobachteten, im Ernst-Thälmann-Park picknickten, uns zufällig ständig und überall über den Weg liefen. Redeten, lachten, stritten und uns wieder versöhnten.

Und hier ist auch der Ort, an dem ein Freund vor einem halben Jahr tödlich verunglückte.

Als mir das bewusst wurde, hätte ich fast an die Zionskirche gekotzt.

Aber nur fast, denn ich bin ja inzwischen a) alt und weiß, wie man mit Übelkeit umgeht und b) ist der Prenzlauer Berg inzwischen zu sauber für so was. Und die Zionskirche kann ja auch nichts dafür.

Auch die Danziger Straße nicht, wo der Unfall passierte. Und wo wir kurz danach Blüten und Reis streuten, um die Fantasie zu reinigen. Damit wir uns nicht mehr vorstellen mussten, wie es passiert sein könnte. Warum es passiert ist. Wie man es hätte verhindern können. Die ganzen unsinnigen Fantasien, die den Kopf verstopfen und die „abnorme Trauerreaktion“ befeuern.

Nach dem Blüten- und Reisstreuen mit Freunden ging es mir etwas besser. Nach der Trauerfeier hatte ich das Gefühl, mich „verabschiedet“ zu haben. Das Herz war nicht leichter, aber der Schmerz pulsierte unterschwelliger, das Leben ging weiter.

Dann Monate später der letzte Ausflug in die Wohnung des Freundes, die Auflösung seiner Besitztümer. Auch im Prenzlauer Berg, wenige Meter von der Unfallstelle entfernt. Ich fand den Eingang zuerst nicht, meine Knie fast zu weich für die Treppen, aber wie immer obsiegte das Verantwortungsgefühl. Ich hatte es versprochen, ich musste dahin. Er war weg, seine Sachen noch da. Geteiltes Leid fühlte sich nicht leichter an. Ich hielt es für eine gute Idee, etwas Materielles von ihm mitzunehmen, das mich an ihn erinnern würde.

Als hätte ich eine Erinnerung gebraucht.

Und dann ein paar Wochen darauf die nächtliche Einsicht: Es sind die Erinnerungen, die mich fertig machen. An eine Zeit, in der wir alle noch anders waren, in der die Stadt anders war. Erinnerungen an eine verlängerte Jugend, die schon lange, aber nun noch unwiderruflicher vorbei ist, weil nicht nur fast jedes alte Haus weg oder saniert ist, sondern auch die Weggefährten langsam verschwinden.

Oder auch schnell und abrupt. Ohne Zeit für Verabschiedungen oder Revivals.

Und nun, mehr als ein halbes Jahr später, muss ich mir eingestehen: Die Trauer dauert so lange, wie sie dauert. Der Prenzlauer Berg ist als Trauerort genauso künstlich wie als Touristenparadies und die Erinnerungen überfallen mich, egal, wo ich bin. Abnorm ist das nicht. Nur manchmal ein bisschen unpraktisch.

Wie gut, dass es noch andere Bezirke in Berlin gibt.

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F43.0 Akute Belastungsreaktion

Wie funktioniert der persönliche Katastrophendienst? Meiner besteht aus vielen kleinen Meermännern, die durch mein Blut schwimmen und alles von innen reparieren. Während mein Verstand verzweifelt, sich betäubt oder im Schock verharrt, während ich wach liege, weine, das Essen vergesse oder stumpf in Bücher starre, kümmern sich die Meermänner, ich nenne sie Mini-Neptune, um meinen Körper. Gleichzeitig steigt ein anderes Wesen, ich nenne es Neptun, in meine Psyche hinein und hypnotisiert mich.

Papa Neptun suggeriert mir die Gefühle und Gedanken, die ich brauche, um die Katastrophe zu überleben. Egal, was Ärzte, Sachverständige und andere Gottheiten behaupten, Neptun versichert mir, dass alles ganz anders und gut werden wird. Ich soll mich nur einfach auf die Mini-Nixeriche verlassen, die werden’s schon richten.

Und das haben sie bis jetzt immer getan. Langhaarig und bärtig, mit wendigen Fischschwänzen und dreizackigen Gabeln in ihren Händen schwärmen sie durch meine Flüssigkeiten und räumen auf in Physis und Psyche. Als ich sie das erste Mal erlebte, wusste ich noch nicht viel von Astrologie, von dem mythischen Ruf, den Väterchen Neptun in Horoskopen genießt. Aber auch wenn ich davon etwas geahnt hätte, hätte es nichts an der Symbolik geändert. Denn wenn es um Leben und Tod geht, kommen die Bilder ungefiltert und unaufhaltsam. Eine akute Belastungsreaktion kann sich wie ein psychedelischer Trip anfühlen. Im Guten wie im Bösen.

Heute weiß ich, dass Neptun der Planet von „Künstlern und sozial Abgestürzten“ ist. Da geht mir natürlich das Herz auf. Neptun, Gottheit der Träumer und Visionäre. Ich sehe ihn mit einem Tetrapak Wein und Manson-Wallebart unter der Brücke sitzen und die Fische mit seinem Erbrochenen füttern. Bei mir wohnt er im 10. Haus und „vereitelt berufliches Ankommen“. Mit Neptun im Karriere(h)aus, so eine Astrologin, „ist der Tod immer im Blick“.

Mit dieser wunderschönen symbolischen Krücke erkläre ich mir das Muster, mit dem ich auf katastrophale Belastungen reagiere. Ich lasse mich von Bildern durchfluten. Schlimmstmögliche Vorstellungen stopfen sich wie Steine in die Manteltaschen meines Bewusstseins, ziehen mich nach unten mit einem mafiösen Zementsockel. Ich sinke immer weiter, bis ich auf dem Grund ankomme, vom Wasserdruck zerquetscht, von blinden, weißen Fischen angeknabbert. Ich löse mich auf. Alles passiert, was passieren kann, an einem Ort, wo Himmel und Hölle dasselbe sind.

Und dann geschieht das Folgende: Eine bärtige Statue erhebt sich vom Alexanderplatz und schwappt schweren Schrittes zu meinem Sumpf. Sie schüttelt den Kopf: Sie kann nicht fassen, dass ich schon wieder selbstmitleidig in irgendeiner Tropfsteinhöhle hänge und mit den Stalaktiten um die Wette heule. Dann taucht sie zu mir hinab und holt mich hoch. Der König der Träumer reißt mich aus meinen Alpträumen, heraus aus dem Kompromiss. Wenn Leben und Tod dasselbe sind, darf ich mich jetzt entscheiden.

In einer akuten Belastungsreaktion wähle ich die temporäre Psychose. Glaube nicht den „Sachverständigen“, sondern meinen Halluzinationen. Fantasiere, bevor ich verzweifle. Anstatt dem Teufel meine unsterbliche Seele zu versprechen, schenke ich dem Gott des Meeres meine sterbliche Vernunft. Lieber bin ich ein verträumter Psycho, als dass ich traumlos gehe.

F43.2 Anpassungsstörungen: Schweizer Krankheit

Achtung, Kitsch: Manchmal, wenn ich Vögel vorbeifliegen sehe, bekomme ich ein unbestimmtes Ziehen in der Brust. Ich kann dieses Gefühl nicht besser beschreiben, weiß nicht, ob es gut oder beschissen ist. Alles was ich weiß: Es kommt regelmäßig und bringt mich, wenn ich es zu- und loslasse, für kurze Momente in einen anderen Zustand. Es holt mich heraus aus meiner gewohnten Umgebung und setzt mich irgendwo in einem Niemandsland ab, wo es weder Zeit noch Worte gibt, wo nichts analysiert oder verstanden werden kann. Wo alles nur Gefüüüüüüüühl ist.

Es ist schwer, über diesen Zustand zu schreiben, ohne ins Okkulte oder Schwärmerische zu verfallen. Schließlich geht es um eine Sehnsucht nach Dingen, die es nicht gibt. Fernweh, Heimweh, Nostalgie – in diesen Zuständen zeigt sich die Sehnsucht um der Sehnsucht willen. Ich habe kein Fernweh nach einem „realen“ Ort, sondern will einfach nur weg von da, wo ich jetzt bin. Ich vermisse nicht schmerzhaft irgendeine „Heimat“ oder ein Gefühl von „zu Hause“, sondern bestimmte Leute oder Ruhe. Nostalgisch bin ich nach Zeiten, in denen ich nicht gelebt habe. Und die Schweizer Krankheit (morbus helveticus) ist für mich wie Emmentaler Käse. Ich will nur die Löcher schmecken, nicht das Außenherum.

Bei dieser Art von Wehmütigkeit geht es um Mangel, um ein Begehren, das man in eine eingebildete Vergangenheit, Ferne oder Heimat projiziert und das sich nie befriedigen lässt. Der Körper wiederum übersetzt dieses Begehren in Empfindungen. Irgendwas schmerzt im Kopf, zwischen den Schulterblättern, im Brustkorb, irgendetwas in mir möchte irgendwohin zurückkehren, am liebsten dahin, wo es mich nicht gibt.

Don Draper, Produkt unserer retromanischen Ära und Taschenphilosoph der Madison Avenue, beschreibt Nostalgie als „pain from an old wound“. In meiner Fantasie spielt er damit auf Erinnerungen an unwiederbringliche Momente, verschüttete Wurzeln, abgetrennte Nabelschnüre an – auf etwas, das im weitesten Sinne mit „nach Hause kommen“ zu tun hat. Dazu gehört auch der Schmerz darüber, dass der Zeitpfeil nur in eine Richtung verläuft, dass wir permanent sterben, ohne uns dessen bewusst zu sein. Ein alters- und zeitunabhängiges Gefühl, das nichts mit einem geseufzten „früher war alles besser“ zu tun hat. Früher war nichts besser. Außer meinem Gedächtnis vielleicht. Und das war schon immer sehr eigenwillig.

Vor kurzem hatte ich mein ganz persönliches „Mad Men“-Moment in dieser an Retro-Momenten nicht armen Zeit: Ein paar Vögel flogen nicht mehr unbeteiligt durch die Lüfte, sondern attackierten meinen Begleiter und mich. Wir spielten das Spiel mit und rannten wie Tippi Hedren gebückt über die Straße. Auch das ist Nostalgie: einen Film aus dem Jahr 1963 im heutigen Berlin nachspielen. Je mehr Krise, desto mehr Nostalgie möchte man meinen. Sogar die Vögel werden nostalgisch. Ich aber meine: Scheiß drauf, die Krise war schon immer da, schon immer warten wir auf die Apokalypse, auf Ufos, die nicht kommen, auf Gottes manikürte Hand, die aus den Wolken schießt und uns aus dem Jammertal zieht.

Stattdessen stürzen Nebelkrähen auf meine 1970er Jahre Frisur und erinnern mich daran, dass Nostalgie wie Zucker ist: ab und an genossen macht es high. Zu oft genossen macht es fett. Wenn also irgendwann mal wieder „die Löcher aus dem Käse“ fliegen sollten (Gottlieb Wendehals, 1982), dann hoffe ich, dass sie ein Wurmloch erzeugen, in dem alle Nost-, Ost- und Rostalgie-Shows verschwinden werden. Die Schweizer Krankheit blüht am schönsten dort, wo die Schweiz nicht ist.