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F48.1 Depersonalisations-/Derealisationssyndrom

Es gibt Momente, da bin ich nicht „ich selbst“. Auch wenn ich nicht weiß, wer „ich“ normalerweise bin, weiß ich eines: „Ich“ ist anders als sonst.

In diesen Momenten fühlt sich mein Körper in seiner Innen- und Außenwahrnehmung komisch an. Strecke ich einen Arm aus, ist er mir fremd, zu lang, zu kurz, komisch geformt. Die Haut vibriert, die Schleimhäute schmecken und schleimen anders als sonst, der Bauch zuckt merkwürdig, die Füße bewegen sich stockend, gleiten oder berühren scheinbar überhaupt nicht mehr den Boden.

Auch die Luftempfindung ist anders. Kälter, nasser, wärmer, trockener als erwartet. Die Dinge um mich herum sind bunter, transparenter, heller oder dunkler als sonst. Sie sind weiter von mir entfernt oder viel zu nah. Ich erkenne sie nicht, verwechsle sie oder sehe, wie sie sich vor meinen Augen verändern, vibrieren, verschwinden, aus dem Nichts auftauchen.

Natürlich kenne ich das Gefühl der Depersonalisation und Derealisation von Fieberepisoden, Träumen, Substanzen- und Hormonreaktionen, von Angstzuständen, Körpererinnerungen („Flashbacks“), Romantik-, Nostalgie- und anderen Schwächeanfällen. Manchmal rieche, höre oder sehe ich etwas, das mich merkwürdig empfinden lässt. Mich aus dem Körper, aus dem Jetzt holt.

Aber mal ehrlich: Wann bin „ich“ schon im Körper, im Hier und im Jetzt? Bei einer duften Atem-Schwitzhütten-Energiekegel-Derwisch-Rebirthing-Kundalini-Chakren-Meditation? Wohl kaum.

Uns doch gibt es Momente, da erzählt mir keiner, dass ich den Atem fließen und die Gedanken an mir vorbeiziehen lassen soll und dennoch schwebe ich durch Raum und Zeit. Alles um mich herum ist wie von innen erleuchtet, meine Arme wedeln zwei Meter vor mir, meine Füße kleben direkt am Bauch. Ich habe kein Fieber, keine Menstruation, keine Vergiftung, keine Erinnerung, keinen Schwächeanfall, bin weder schwanger noch verkatert. Vielleicht habe ich einen „Flashback“, aber da mein Körper die 1960er nicht erlebt hat, halte ich das für unwahrscheinlich.

Ich schwebe also ganz unkontrolliert, ganz ohne Yoga oder LSD durch das Außen, das es eigentlich nicht mehr gibt, weil es auch kein Innen mehr gibt, nur lange Arme, kurze Beine, vibrierende Haut, nach außen gestülpte Schleimhäute. Kein Geruch von Madeleines oder anderen Erinnerungstriggern trübt meine getrübten Sinne, ich schwebe und fühle mich komisch. Anders. Anders als sonst.

Und was dann? Die substanzfreie Bewusstseinserweiterung hört so abrupt auf, wie sie angefangen hat. Ich werde wieder in die Otto-Normalo-Realität zurückgeworfen, bin wieder „ich“, ein Wesen mit 1000 widersprüchlichen Empfindungen, Gedankenspiralen und zuckenden Muskeln, zurück in meinem kleinen, reduzierten Körper. Der Wachtraum ist zu Ende, der Atem stockt, die Kundalini rollt sich ein, dem Derwisch wird schwindelig, die Schwitzhütte kalt, Gott lässt mich los und zurück auf den Boden knallen. Alles wie immer. Alles Standard.

Schön, dass die ICD-10 auch angenehme „psychische Störungen“ im Programm hat. Sich selbst immer auszuhalten, hält ja keine Sau aus.

baumabendrot

F48.8 sonstige neurotische Störungen: Beschäftigungsneurose, einschließlich Schreibkrampf

Heute bin ich mal salopp und benutze den Namen einer Störung, weil er mir gefällt. Die Beschäftigungsneurose scheint dem Vernehmen nach eine körperlich wahrnehmbare Beschwerde zu sein, die sich als Schmerz oder Verkrampfung äußern kann. Damit gehört sie irgendwie zu den dissoziativen Phänomenen, die sich u. a. in Form von Krampf, Bewegungsunfähigkeit, Wahrnehmungsstörungen, Gedächtnisverlust, Trance etc. (F44) äußern können. Das nannte man früher mal Hysterie, denn man nahm an, dass derartige Zustände in der Gebärmutter (altgriechisch: hysteria) entstehen. Heute darf Hysterie auch in der Prostata zucken und in der ICD 10 wird sie im Fließtext versteckt.

So gerne ich die Hysterie als Idee und Organ habe, leide ich jedoch vermutlich eher an einem Hirnkrampf und damit an Beschäftigungszwang.

Es beginnt mit einer Unruhe. Ich tigere durch die Wohnung und muss „was machen“. Meistens lande ich am Computer, der mir zunächst das Gefühl gibt, etwas Sinnvolles zu tun. Ich ahne natürlich, dass Sinnhaftigkeit nichts damit zu tun hat, aber solange ich beschäftigt bin, bleibt die Ahnung irgendwo im Nervensystem stecken. Solange ich beschäftigt bin, ist alles sinnvoll. Die Beschäftigung, ich, die Welt. Die Beschäftigung hindert mich daran, über bestimmte Dinge nachzudenken, bestimmte Zustände zu ändern, bestimmte Tätigkeiten aufzuhören (zum Beispiel mit der Beschäftigung selbst). Oder um es mal ganz verkitscht auszudrücken: Sie hindert mich daran, einfach nur da zu sein.

Früher war man, weil man dachte. Heute ist man, weil man tut. Beschäftigung trägt zur Existenzberechtigung bei. Aktiv sein ist besser als passiv sein. Wenn du dich nicht entscheidest, entscheidet deine Umwelt. Wenn du nur rumhängst, bist du ein „Loser“ (ein Schimpfwort, von dem ich dachte, es sei nach den 80ern ausgestorben. Weit gefehlt. Die 80er sind ein Zombie.). Wenn ich nichts tu, werde ich nicht geliebt, am wenigsten von mir selbst. Wenn ich der Nachwelt nichts hinterlasse, habe ich gar nicht erst gelebt. Und mit hinterlassen meine ich komischerweise nie, einen Baum zu pflanzen, mich fortzupflanzen, Papst zu werden oder Krebs zu besiegen.

Nein, mein übertriebener Beschäftigungstrieb äußert sich in einem Schreibzwang. Es müssen Romane geschrieben und umgeschrieben werden. Texte getextet, übersetzt und umgetextet werden. E-Mails verfasst, Einkaufszettel komponiert, Tagebücher gefüllt und kleine Zettel für Freunde bekritzelt werden. Es muss gebloggt werden und seit kurzem auch gefacebookt (obwohl sich mein Schreibzwang da noch zurückhält, vermutlich, weil ich so viel Energie investiere, meinen Ekel vor dem Like-Button zu überwinden). Es müssen Schmierzettel beschmiert und Bücher markiert werden. Ich schreibe, also bin ich.

Und wenn sich meine Hand zum Pfötchen verkrampft (mein Arzt nennt das nicht Hysterie, sondern Arthrose) und schmerzt, dann schreibe ich einfach im Kopf weiter. Tagtraumzwang.

Hauptsache, ich bin beschäftigt.