Schlagwort-Archive: F65.2

F65.2 Exhibitionismus

Vor Facebook, Deppenzeptern und „geleakten“ Sexvideos war Exhibitionismus noch was Verbotenes. Er war nicht so verboten, dass er nicht passiert wäre. Aber wenn man auf ihn traf, musste man tief einatmen, lachen oder verwundert dreinschauen. Es gab mal eine Zeit, da sorgten Leute mit offenen Hosen in Gebüschen für mindestens Verwirrung.

Meine ersten Exhibitionistenerlebnisse hatte ich in den 80ern, Gott hab sie selig. Auf dem Weg zur Schule, beim Spaziergang mit meinem Hund, abends beim Zigarettenholen für den Vater (ja, das war damals ganz normal) tauchten sie auf, die Hosenrunterlasser, und erfüllten mich mit einer gewissen Nervosität. Einmal war meine Mutter dabei und signalisierte Angst. Ich wunderte mich. Der Mann am Flussufer sah bescheuert aus, nicht gefährlich. Aber ich lernte, wie die angemessene Reaktion auf öffentliche Penisse abseits von FKK-Stränden sein sollte: Empörung, Unwohlsein, Angst oder Wut.

Mehr Exhibitionisten dann in den 90ern: Ich hatte wieder einen Hund und frequentierte täglich die Hasenheide. Hier fühlten sie sich wohl, die offenherzigen Herren (Exhibitionistinnen begegneten mir leider nie). Ich saß und las ein Buch, während mein alter Hund kleine Kinder anpinkelte und hinter mir schnaufte ein Mensch, als würde er gleich einen Herzinfarkt bekommen. Als ich mich umdrehte, wurden die Äste auseinandergerissen, um mir das Prachtstück zu präsentieren. Als ich gähnte, verstummte das Schnaufen sofort.

Mein lustigstes Erlebnis mit einem Peniszeiger hatte ich in Schöneberg. Ein Mann bat mich und zwei Freundinnen, ihm beim Masturbieren auf einer Verkehrsinsel auf der Hauptstraße zuzusehen. Es war nachts, die Straße stark befahren und ich wahrscheinlich die einzige von uns dreien, die dem Mann auf die Hand blickte. Er gab uns danach 50 Mark und fragte beiläufig, ob es uns nicht irgendwie Spaß bereitet hätte. Wir runzelten unsere damals noch völlig runzelfreien Stirnen. Wie, Spaß? Die Kohle wurde sofort in unsere Hausbar getragen. War das schon Prostitution? Wir lachten noch die ganze Nacht darüber.

Damals kam mir die Idee, wie einfach es doch für einen Wald- und Wiesen-Exhibitionisten war, Sex zu haben. Man muss das Objekt der Begierde nicht ausführen, keine Konversation betreiben, kein Geld investieren (außer man steht auf Wichsen auf Verkehrsinseln), nicht in Clubs gehen und Leuten Sachen in die Drinks schmeißen. Man stellt sich einfach hinter irgendein Gebüsch und wartet, bis der die das Richtige antanzt.

Inzwischen werde ich schon lange nicht mehr von Exhibitionisten heimgesucht. Vermutlich schreckt mein Alter ab, der Kinderwagen, die Million Touristen außen herum, die hundert Millionen Selfies zwischendrin.

Ach, gutes altes Exhibitionistentum – verschwunden wie das gute alte Berlin, wie meine Jugend, wie Briefe, die keiner liest, wie Telefonate, die keiner abhört. Früher habt ihr Exhibitionisten alter Schule die Lanze, eure Lanze, für einen öffentlichen Quickie gebrochen. Habt mit der Privatheit gespielt, weil es davon noch so viel gab.

Und wo seid ihr heute? Im Internet? Und zeigt eure Genitalien Leuten, die darüber garantiert nicht mehr empört sind? Schade finde ich es nicht, aber irgendwie wart ihr besser drauf als die anderen Typen in den Gebüschen. Die mit den kleinen Päckchen und dem Pssst Psst Pst. Über euch konnte man sich wenigstens noch amüsieren.