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F80.0 Artikulationsstörung: Lallen

Spätestens, wenn der Gefährte und ich zwei Tage im Urlaub sind, wenn wir im Auto sitzen oder durch die Landschaft stolpern, fangen wir an, die Vokale wegzulassen. Wir beginnen auch, Inhalte wegzulassen. Inhalte sind überschätzt.

In einer gut funktionierenden Beziehung geht es weniger darum, was man sagt, sondern dass man es sagt. Oder zumindest mit einem Grunzen ausdrückt, dass man noch am Leben ist. Der Gefährte und ich sind Meister im inhaltslosen, schwer verliebten und meist dummen Geschwätz und Gegrunze.

Manchmal steigere ich diese Fähigkeit und beginne zu lallen. Ich weiß später nicht, wie ich es getan habe und was genau ich sagen wollte, aber in bestimmten Momenten quellen undefinierbare Laute unkontrolliert aus meinem Mund. Nicht unbedingt in der Form von eigentlichen Wörtern. Der Gefährte denkt dann, ich bekomme meine Tage, habe zu viel getrunken oder einen kurzen posttraumatischen Schwächeanfall. Ich aber weiß: In solchen Augenblicken spricht Gott aus mir. Oder was anderes.

Wie Linda Blair weise ich jede Verantwortung für mein Lallen ab. Ich nenne es „Glossolalie“ oder Zungenrede. Und die kommt nach dem großen Saulus-Paulus direkt vom Heiligen Geist.

Neulich erwischte mich wieder der Heilige Geist. Diesmal allerdings mit einer mir fremden Person am Telefon. Ich entschuldigte mich und versuchte, mich stärker zu konzentrieren, doch der Heilige Geist ließ nicht los. Die Person tröstete mich und meinte, dass sie das auch schon hatte. Kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Wie gut, dass in meinem Fall nur ein transzendentes Wesen und ein paar Hormönchen schuld waren.

Manchmal übermannt mich das Lallen bei einem Kundengespräch, in einer Behörde oder beim Einkaufen. Das sind dann eher unangenehme Momente, wenig göttlich, kaum verliebt. Wenn mich die Zungenrede derart überfällt, mache ich das, was jeder Politiker tut: Ich verwirre. Ich baue komplexe Satzkonstruktionen mit erfundenen Begrifflichkeiten, ersetze Verben mit Adjektiven und sinnlosen Pausen und stricke an jedem Satz so lange weiter, bis sich alle Beteiligten wünschen, ich würde endlich meine Schnauze halten.

Wenn die Schnauze endlich verstummt ist und das Lallen versiegt, mache ich mit Telepathie weiter. Gesprochene Sprache ist überschätzt.

F82 umschriebene Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen

Oder auch: Syndrom des ungeschickten Kindes. Das war ich. Das bin ich.
Ein halber Liter Wasser passt nicht in ein 0,2 Liter großes Glas? Geschenkt. Treppen kann man sowohl hoch als auch runter fallen? Man kann sogar seitwärts stürzen, wenn man sich richtig anstellt. Bin ich ungeschickter, wenn ich betrunken oder verliebt bin? Nein. Wenn ich hormonell herausgefordert bin? Nun ja, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Ich hingegen denke, dass meine Ungeschicklichkeit weniger mit Um- und Zuständen zu tun hat, sondern meiner Doppelexistenz geschuldet ist. Ein Teil von mir ist „hier“ (in der dreidimensionalen Welt, wo auch die anderen sind oder so tun als ob) und der andere Teil „dort“ (in der nicht-dimensionalen Welt, wo die sind, die nur ich kenne). Man könnte die Welt „dort“ auch als Fantasie bezeichnen, wäre das nicht total fantasielos. Mit Psychose hat das übrigens nichts zu tun, denn ich weiß meistens, wo ich bin und kann ganz schnell zwischen „dort“ und „hier“ wechseln.

Manchmal zu schnell. Und dann ist es schon wieder passiert. Scherben auf dem Boden. Messer im Finger. Beule auf dem Kopf. Die unerträgliche Schwere des Seins. Und dann höre ich die sonore Stimme meines Vaters irgendwo im Hinterkopf: „Typisch T.“ Und manchmal höre ich die sonore Stimme meines Gefährten etwas ganz Ähnliches brummen. Und dann bekomme ich Angst.

Nicht, weil ich mit meinem Vater zusammen bin. Oder weil Wunden nicht mehr so schnell verheilen wie früher. Ich bekomme Angst, weil ich nicht nur manchmal ungeschickt bin, sondern weil Ungeschicklichkeit Teil meiner Persönlichkeit ist. Ein in der Kindheit „falsch erlerntes Verhalten“. Als die Fee in mein Bettchen geschaut hat, hat sie sich wahrscheinlich gedacht: Die Kleine ist so ruhig und lasch, ein bisschen Zerstörungswut würde ihr ganz gut tun.

Und weil ich so super im Verdrängen und Anpassen bin, zeigt sich die Zerstörungswut als Ungeschicklichkeit. Ich schleudere Dinge nicht gegen die Wand. Ich lasse sie geistesabwesend auf den Boden fallen, während ich mir vorstelle, wie eine Horde Wildschweine über europäische Mystiker des 17. Jahrhunderts herfällt. Unterdrückte Aggressionen und gewalttätige Fantasien wandle ich um in lustige Küchen-Happenings, Straßen-Slapstick und unerwartete Begegnungen mit brennenden Kerzen, Dornen und Felsbrocken. Ich bin mein eigener kleiner Fightclub, Zutritt nur für mich. Dieser Glaubenssatz lässt sich nicht so ohne weiteres gegen die Wand pfeffern.

Und wenn’s mal richtig gut flutscht, nehme ich Geiseln. Dann stürzen Freunde, Gefährten und flüchtige Bekannte über unsichtbare Stühle und wundern sich, was los ist. Tja, Telekinese, Leute. Contact High. Sippenhaft. Ungeschicklichkeit kann ansteckend sein. Und mein Schutzengel klopft sich auf die Schenkel.