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F98.8 Nägelkauen

Endlich mal wieder eine Störung, an der ich selber nicht leide – in die ich mich aber wunderbar hineinversetzen kann. Auch wenn ich nicht an den Nägeln kaue, habe ich doch genügend andere nervöse, selbstzerstörerische und Trance induzierende Verhaltensweisen, die gesellschaftlich geächtet sind. Von den gesellschaftlich akzeptierten mal ganz abgesehen.

Nägelkauen wirkt auf mich wie ein sehr intimer Vorgang. Man knabbert an sich selbst, vergewissert sich der eigenen Haut und Körpergrenze, erfreut sich am persönlichen Wachstum, das permanent im ganzen Körper stattfindet und das sich am besten an den Nägeln und Haaren beobachten lässt. Diese Zellen sind zwar schon tot, gelten aber in manikürter und gestylter Form als sexuell begehrlich.

Abgenagte Nägel wiederum wirken auf manche unsexy. Dabei hat Nägelkauen eine erotische Komponente, die der zarten Selbstverspeisung. Oder auch: Autokannibalismus light. Und wer die Haut wieder ausspuckt und nur am Blut leckt, übt sich in Vampirismus.

Da die aktuell angesagten Halsbeißer sexuell ziemlich verklemmt sind, wage ich die Behauptung, dass Nagelbeißer die neuen Bohemians sind. Fuck Skarifizierung, Branding oder Cutting – Nägelkauen ist echter Kontrollverlust. Statt geschmäcklerischen Lifestyle-Entscheidungen geht es hier um das wahre Leben.

Und um ungeschönten Widerstand gegen den „guten Geschmack“: Denn egal, ob man sich die Haare ausreißt, öffentlich nach Popeln schürft oder die Nagelhaut verspeist – wer sich dem sozialen Zwang einer gepflegten Erscheinung entzieht, ist Außenseiter. Sie oder er läuft Gefahr, immer weiter aus der Gesellschaft zu rutschen, ungeliebt, unverheiratet, ohne Kreditkarte, Festanstellung, Lebens- und Rentenversicherung zu sterben.

Oder nie zu sterben, denn angeblich hält Eigenbluttherapie ja ewig fit. Eine Tatsache, die auch Lance Armstrong und die neuen Spießervampire bestätigen können. Insofern: Nägelkauer, keep on biting. Euch gehört die Zukunft.

F98.9 Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend: Nasebohren

Von allen unter dieser Kodierung aufgelisteten Störungen (Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität, Daumenlutschen, exzessive Masturbation, Nägelkauen und Nasebohren) habe ich mir die schnödeste ausgesucht. Ja, ich bin Nasebohrerin.

Wenn ich mich richtig erinnere, wurde das Popeln mit Anfang 20 intensiver, als ich mir einen Nasenring verpassen ließ. Eine Episode in meinem Leben, auf die ich nicht besonders stolz bin. Ein gefühltes Jahr später waren Piercings in aller Munde, Nase und Augenbraue und ich ließ mir das Loch wieder zuwachsen. Mein Popeln legte ich nicht wieder ab. Damals war mir noch nicht bekannt, dass es sich dabei um eine Störung handelt. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich vielleicht eher aufs exzessive Masturbieren oder Daumenlutschen verlegt. Wenn schon Störung, dann richtig.

Ich habe mich schon öfters gefragt, warum ich Nase bohre. Um die Befriedigung oraler Bedürfnisse geht es mir wohl weniger, denn ich habe nie Popel gegessen oder gesammelt. Vermutlich bin ich in dieser Hinsicht eher der anale Typ, denn ich möchte, dass meine Nase aufgeräumt und sauber ist. Nicht genügend allerdings, um mich auf Nasenspülungen einzulassen. Das ist mir dann doch irgendwie zu nas-anal.

Meine beliebteste Theorie ist inzwischen, dass ich gerne die Grenzen meines Körpers überschreite, ohne dass es wehtut. Denn die Nase ist eine der wenigen Körperöffnungen, die sich einfach und relativ schmerzfrei erkunden lassen. Wenn ich pople, entdecke ich mein Innerstes. Während ich auf Tuchfühlung mit meinen Nasenschleimhäuten gehe, erlebe ich das große Wunder des Lebens: meinen Körper, der nicht müde wird, immer wieder Zellen und Schleim zu produzieren und zu entsorgen, der permanent Bakterien und Viren behaust und abwehrt, der wächst, schrumpft, annimmt, abgibt. Das großartige Gewebe, das gleichzeitig die Luft reinigen und riechen kann, sich kalt in den Wind reckt, juckt, läuft, niest und sich kräuselt.

Wenn ich Nase bohre, vergewissere ich mich, dass ich noch lebe. Ich erinnere mich an meine nasebohrende Kindheit und fühle zumindest körperlich einen zeitlichen Bezug zu dem Wesen, das ich (oder irgendwas anderes) damals gewesen sein könnte. Ich fühle mich nicht nur konstanter in der Zeit, sondern auch im Raum, denn die Überschreitung der Schleimhäute zeigt mir, dass es einen Körper mit Grenzen gibt, die sich überschreiten lassen.

Beim Popeln ehre ich das Wunder des Lebens, ich ziehe meinen Hut vor der Biologie, der Evolution, dem Flying Spaghetti Monster oder was auch immer mich mit dieser Nase und dem dazugehörigen Finger (der so perfekt in die Nase passt) ausgestattet hat. Denn ich glaube, dass dieser Finger, wenn er tief in der Nase steckt, Gott berührt, so wie der Finger von Michelangelos Adam den von Gottvater berührt. Und ich bin mir sicher, dass der göttliche Funke genau in diesen bohrenden Momenten überspringt, von Popel zu Finger, nur wenige Zentimeter von meinem Gehirn und dritten Auge entfernt.

Und damit dieses wunderbare Geheimnis nicht in die Finger und Nasen Ungläubiger gelangt, ist Nasebohren ein Tabu. Obszöner als Sexmagie, verpönter als ritueller Kannibalismus, unverstanden, verhasst, gefürchtet.

Sollte ich jemals heilig gesprochen werden, weiß ich schon jetzt, wohin sich meine Statuen ihre Finger stecken werden. Dahin, wo die Sonne immer scheint.

F98.5 Stottern

Ja, auch ich habe mal gestottert. Ich war jung und brauchte die Aufmerksamkeit. Meine Eltern brachten mich zu einer Kinderpsychologin und ich durfte mit bunten Klötzen spielen. Ob die Therapiesitzungen, an die ich mich im Übrigen überhaupt nicht mehr erinnern kann, zu meiner Stotterfreiheit beitrugen, weiß ich nicht. Irgendwann kamen die Worte flüssiger. Und sie kamen schneller.

Sie kamen so schnell, dass niemand mehr mich verstehen konnte oder wollte. Um mich zu erklären, konterte ich mit noch höherem Sprechtempo. Und versuchte, in vielen Worten das zu sagen, was ich auch mit Mutismus (F94.0) hätte sagen können: Ich bestrafe euch, weil ihr nicht genug Zeit für mich habt. Mein Aufmerksamkeitsdefizit war kein Syndrom, sondern ein soziales Problem. Natürlich ging der Schuss nach hinten los und aus Stottern wurde Nuscheln und Poltern (F98.6). Die Gedanken sind eben schneller als der Sprechapparat.

Auch heute wollen sich die großartigen Ideen, die sich permanent in meinem Kopf auftürmen, nicht immer so richtig flüssig von der Zunge lösen. Ich verliere den Faden, setze neu an, bin bald ganz woanders, als da, wo ich eigentlich hin wollte. Manchmal stottere ich und fuchtele mit den Händen, wie um die fehlenden Worte aus der Luft zu zaubern. Die Begriffe schütteln sich im Mund, wollen die Lippen nicht wirklich überschreiten, weil ich merke, sie stimmen nicht. Auch wenn dem Gesprächspartner das vielleicht ziemlich egal ist: Die Worte müssen perfekt sein.

Und weil Sprache nicht perfekt sein kann, sondern permanenten Verhandlungen mit komplexen Denkprozessen und Abgleichungen mit der Außenwelt unterworfen ist, sich dadurch ständig weiter entwickelt und dynamisch bleibt – und weil ich das weiß und trotzdem der Droge des Perfektionismus fröne – stottere ich heute manchmal ganz gezielt. Ich stottere, um mir eine Denkpause zu verschaffen. Ich stottere, weil ich hoffe, dass das Gegenüber mir die Worte aus dem Mund nimmt. Ich stottere, weil ich hoffe, dass mir der optimale Ausdruck wie ein güldnes Vöglein aus den Stimmbändern fliegt.

Manchmal stottere ich, ohne dass mein Gesprächspartner es mitkriegt. Dann stocke ich innerlich, während die Gedanken im Gehirn schwerfällig hin- und herschwappen. Ich hänge fest, wie eine Schallplatte, während sich die Worte nur noch halb formen, ihre Gestalt in halbmanifeste Rümpfe strümpfen, wie Schlümpfe auftrümpfen, Wortsümpfe voller Lymphe, Nymphen, karümphen ümpfe pffffffff.

Manchmal stottere ich sogar beim Schreiben. Und deshalb habe ich den leisen Verdacht, dass eine meiner verhuschten Persönlichkeiten das Stottern mag. Etwas in mir liebt die vorsprachliche Lautmalerei, das animalisch anmutende Stotterkratzen im Hals, das „Ohne Worte“, das absurde Sinnferne, der dadaistische Zusammenbruch aller sprachlichen Konventionen, rhythmisches Themroc, gerapptes Cut-Up, Zungenschlagstreik.

Denn Stottern ist auch eine Sprache der Verweigerung. Vielleicht fasst es die ICD10 deshalb mit Einnässen, Einkoten und stereotypen Bewegungsstörungen mit und ohne Selbstverletzung unter „anderen Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ (F98), zusammen. Die Verweigerungsmöglichkeiten eines kleinen Kindes beginnen und enden am eigenen Körper. Und manchmal nimmt man sie wie ein liebgewordenes Souvenir durch die Jahre mit. Verweigern ist nicht immer verkehrt.