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F30.1 Manie ohne psychotische Symptome

Wer kennt das nicht?

Ich rede in einem fort, verliere den Faden, erzähle wirres Zeug, ernte wirre Blicke, verstricke mich weiter, falle Leuten ins Wort, schlage beim Gestikulieren um mich, verschütte Getränke, meine und die von anderen. Remple fremde Rücken an. Randaliere in alle Richtungen. Entschuldige mich, mache es gleich wieder. Kurzum, ich bin super nervig und kann nicht anders.

Manchmal erfüllt mich eine Energie, die mich fertig macht.

Dazu brauche ich keine Drogen (obwohl der eine oder andere Kaffee oder Cocktail dazu beiträgt). Dazu brauche ich keinen speziellen Anlass oder bestimmte Leute um mich herum. Es passiert, ohne dass ich es planen oder vermeiden kann. Manchmal nimmt irgendein extrovertiertes Anteilchen die Gelegenheit wahr, prescht nach vorne und hüpft wie ein Flummi im Bauch herum. Diese Energie, sie muss raus!

Natürlich kann ich es manchmal darauf zurückführen, dass ich vorher tagelang untergetaucht war wegen Job, Stress oder Krankheit. Dass ich zu lange keinen Sport mehr gemacht habe. Zu lange mit keinem Erwachsenen mehr kommunizieren konnte. Oh, dieser Redefluss, der sich dann ergießt. Es ist mir peinlich.

Wenn die psychotischen Symptome dann doch kommen (F30.2 Manie mit psychotischen Symptomen), sehe ich mich von weitem, wie ich von einer Welle erfasst und nach oben geschleudert werde, weg von meinen erstarrten Opfern, weg von meinem hysterischen Gelaber, meinen fahrigen Bewegungen in ein Reich jenseits von Zwischenmenschlichkeit und Empathie, auf den manischen Gipfel des Größenwahns, allein unter Steinen und Eidechsen. Und das, obwohl ich doch nur CONTACT haben will, mich unter Menschen tummeln, NORMAL sein, SPASS haben, ein Teil der Welt sein!

Stattdessen katapultiert mich meine kleine manische Episode auf eine einsame Insel inmitten von Mitmenschen, die sich zu benehmen wissen (oder so dicht sind, dass alles egal ist). Wenn ich es schaffe, schwimme ich geläutert in die Zivilisation zurück und werde wieder zu einem gesprächsbereiten, zuhörenden Mitglied der Gesellschaft, während sich mein innerer Flummi langsam aushüpft und ich mich frage, was ich alles Dummes erzählt habe und ob sich morgen noch irgendwer daran erinnern wird.

Manie ohne psychotische Symptome: wahrscheinlich ganz praktisch beim Wohnungsputz, One-Night-Stand oder Schwarzfahren.

Bei allen anderen Gelegenheiten: ein bisschen nervig.

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F15.0 akute Intoxikation durch andere Stimulanzien (einschließlich Koffein)

Bei vielen Sachen bin ich ein harter Knochen. In kaltem Thermalwasser mit Omis um die Wette schwimmen, Berge hoch rennen in mediterraner Mittagshitze, Berge von Rohkost in mich reinstopfen – geht alles. Hauptsache, die Endorphine sprudeln. Was nicht geht: mehr als eine Tasse Kaffee täglich. Ich weiß: ich Weichei. Und die Tasse Kaffee geht noch nicht mal täglich. Oft wache ich morgens schon so nervös auf, dass ich den Kaffee gleich überspringen kann.

Obwohl ich das weiß, übertreibe ich manchmal trotzdem. Wenn ich mit Kaffeeprofis abhänge und denke, das kann ich auch. Peer Pressure. Oder ich habe vergessen, dass ich die eine Tasse schon hatte. Oder ich denke, pfffff, wat soll’s, her mit dem braunen Zeugs.

Ja, pffff, wat soll’s. Eine Überdosis Kaffee und ich kriege einen manischen Schub (F30.0) und fange an, innerlich Pirouetten zu drehen. Beine, Arme und Augenlider zucken unkontrolliert, die Finger trommeln. Die körperlichen Symptome verschwinden schnell wieder, ich bin ja keine Lusche (siehe oben). Viel schlimmer ist meine latente Tendenz, mit ADHS (F90.0) zu flirten.

Normalerweise neige ich nicht zu Aufmerksamkeitsstörungen. Ich kann mich stundenlang auf etwas konzentrieren (Gott, langhaarige Männer an Kreuzen, Hundebabys). Ich kann mich manchmal so gut konzentrieren, dass ich fast am atypischen Autismus entlang schramme (F84.10), natürlich ohne wirklich autistisch zu sein. Die zweischneidige Gabe der überzogenen Empathie feuert permanent in den Zellen, ob ich will oder nicht.

Was viel nerviger ist, und das zeigt sich sogar schon in diesem Text und ganz ohne Einfluss von Kaffee, ist die fehlende Struktur und Dynamik meines Denkens. Auf Kaffee wird das Leben ein langer, wilder Fluss, ohne Anfang und Ende. Und das ist für mich als reformierte Apokalyptikerin eine fürchterliche Vorstellung. Ich springe von Thema zu Thema (wie jetzt!), Gedanken verlaufen sich in Sackgassen und toten Winkeln, Ideen flüchten in Parallelwelten, aus denen ich sie nicht mehr zurückholen kann.

Zu viel Kaffee macht mich zum Möchtegern-Multitasking-Monster, zum kleinen Kind, das doppelt so schnell spricht, um die Erwachsenen nicht zu langweilen. Und weil wir schon beim feinen Unterschied zwischen Logorrhoe und Diarrhoe sind: Kaffee funktioniert am besten mit Milch und Kuchen und Kaffeetantengespräche über Krankheiten. Kaffee ist eine Einstiegsdroge, der erste Schritt in die böse Welt von Koks, Khat, Ketamin, Krack, Krystal, Kapitalismus, Korruption und Kaos.

Da rauche ich doch lieber Kamillentee.