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F11.0 akute Opioidintoxikation

Nachdem ich vor kurzem ein Opioidamalgetikum einnahm, merkte ich mal wieder, warum aus mir nie ein ordentlicher Junkie geworden ist. Ich mag das Gefühl nicht, unter einer Bleidecke wegzudämmern und gefühlte 20 Jahre später aufzuwachen. Bei jedem Gang aufs Klo kam ich mir vor wie eine von Schwindel geplagte Schnecke. Von den aufregenden Ausflügen in die Sanitärwelt abgesehen, fuhr mein Körper alle Funktionen herunter. Essen, sprechen, träumen, tief durchatmen oder irgendeinen Gedanken denken – alles zu anstrengend. Nur schlafen ging immer, mitten in einer Unterhaltung, während eines Films oder mit einem Buch auf dem Gesicht. Für manche mag das ein Träumchen sein. Ich finde es doof.

Natürlich bin ich dankbar für Schmerz-, Schlaf-, Beruhigungs- und Narkosemittel. Beim Zahnarzt bin ich die erste, die nach Betäubung schreit. Und ich bin sehr froh darüber, dass es heute andere Narkosemöglichkeiten als „Schlafschwämme“ oder einen Schlag auf den Kopf gibt. Ja, ich mag die moderne Medizin.

Ich bin auch glücklich darüber, dass nordamerikanische Krankenhäuser nicht lange mit Ibuprofen rumdoktern und einem gleich das potente Zeug in die Hand drücken. Zwei Tage lang habe ich es gebraucht. Den Rest hätte ich auf dem Schwarzmarkt verkaufen können, hätte ich mich bewegen oder denken können, aber das macht man als verantwortungsvoller Bürger natürlich nicht. Man wird gesund, hortet das Hydromorphon für schlechte Zeiten und entsorgt es dann irgendwann mal bei der nächsten Apotheke.

Wenn man allerdings nicht so schnell gesund wird und die Schmerzen bleiben, dann, vielleicht dann, greift man zu einem niederdosierten NSAR. Mit schlechtem Gewissen, denn man ist ja kein pragmatischer Nordamerikaner. Auch wenn man weiß, dass der Körper aus dem Schmerzkreislauf herauskommen und kein Schmerzgedächtnis bilden soll, kasteit man sich bis in die Schlaflosigkeit. Gott hat es so gewollt. Der Herr hatte viel Schlimmeres am Kreuz aushalten müssen. Und wenn man Glück hat, belohnt Er einen noch mit Hildegard von Bingen’schen Schmerzvisionen. Alle verdrängten protestantisch-masochistischen Impulse kriechen aus ihren Zeitlöchern und klatschen in die Hände.

Mit „man“ meine ich natürlich „mich“. Denn ab einem gewissen Schmerzpunkt kann ich nicht mehr zwischen mir und meiner Umwelt unterscheiden. Ich versinke in einem Meer wild feuernder Nervenzellen und der Schmerz ist die einzige mögliche Perspektive. Mein Leben ein spaßbefreites Jammertal. Und daran merke ich, was der Heroinsüchtige kann und ich nicht: loslassen. Einfach mal auf die Leber und ein paar Gehirnzellen scheißen und „gut drauf“ sein, was auch immer das in diesem Kontext bedeutet.

Wenn es eine Botschaft in diesem kleinen gelben Röhrchen aus dem kanadischen Hospital gibt, dann vielleicht diese: Wenn ich das nächste Mal die Wahl habe zwischen Kreuzweg und Alice in Wonderland, entscheide ich mich für das weiße Kaninchen. Nennen wir es einfach „eine neue Lebenserfahrung“.